Eine empirische Untersuchung der Nutzung durch Coaches und Supervisor:innen

Der Einsatz künstlerischer Mittel in der arbeitsweltbezogenen Einzelberatung war das Anliegen meines Forschungsprojektes (Masterthesis an der UNIKIMS, Management School der Universität Kassel). Dazu führte ich deutschlandweit eine anonyme Online-Umfrage unter Coaches und Supervisor:innen durch. Unter dem Einsatz künstlerischer Mittel der bildenden Kunst waren in der Studie verschiedene Zeichenmaterialien, feste und flüssige Farben, Modelliermassen oder Materialien zum plastischen und skulpturalen Arbeiten zu verstehen.

Folgende Forschungsfragen leiteten die Studie: „Welche Faktoren beeinflussen das Verhalten des Coaches oder der Supervisor:in, künstlerische Mittel in der arbeitsweltlichen Einzelberatung einzusetzen oder nicht einzusetzen?“ und „Welche Erfahrung haben Coaches oder Supervisor:innen beim Einsatz künstlerischer Mittel in der arbeitsweltlichen Einzelberatung?“.

Die Mixed-Methods-Studie („convergent design“) fand gleichzeitig mit quantitativen und qualitativen Teilen statt. Der quantitative Teil der Umfrage wurde auf Grundlage der Theorie des geplanten Verhaltens von Icek Ajzen entwickelt und bestand aus geschlossenen Fragen, die anhand einer Likert-Skala beantwortet wurden. Es wurden Faktoren ermittelt, die die Entscheidung der Coaches und Supervisor:innen beeinflussen.

Schematische Grafik zur Theorie des geplanten Verhaltens: Drei Kästen links („Verhaltensspezifische Vorstellungen“, „Normative Vorstellungen“, „Kontrollspezifische Vorstellungen“) führen über Pfeile zu „Einstellung zum Verhalten“, „Subjektive Norm“ und „Wahrgenommene Verhaltenskontrolle“, die zusammen auf „Verhaltensintention“ und anschließend auf „Verhalten“ verweisen; ein gestrichelter Pfeil zeigt direkt von „Wahrgenommene Verhaltenskontrolle“ auf „Verhalten“.

Abbildung 1: Modell der Theorie des geplanten Verhaltens
Quelle: In Anlehnung an (Rossmann, 2021, S. 24)

Die Theorie des geplanten Verhaltens erklärt, wie menschliches Verhalten vorhergesagt und beeinflusst wird. Die „Verhaltensintention“ stellt die Absicht einer Person dar und beschreibt, wie wahrscheinlich sie ein bestimmtes Verhalten ausführen wird. Diese Intention wird durch die drei Konstrukte „Einstellung zum Verhalten“, „Subjektive Norm“ und „Wahrgenommene Verhaltenskontrolle“ beeinflusst, wodurch sich nachfolgend das tatsächliche Verhalten ergibt (siehe Abbildung 1).

Die „Einstellung zum Verhalten“ ist die persönliche Bewertung des Verhaltens nach Abwägung der erwarteten positiven oder negativen Konsequenzen. In der Untersuchung wird die verhaltensbezogene Einstellung des befragten Coaches oder Supervisor:in davon bestimmt, ob sie den Einsatz künstlerischer Mittel in der Einzelberatung positiv oder negativ beurteilt. Die „Subjektive Norm“ beschreibt den wahrgenommenen sozialen Druck, ein bestimmtes Verhalten auszuführen oder zu unterlassen. Sie umfasst sowohl die Erwartungen wichtiger Personen als auch die Motivation der Person, diesen Erwartungen nachzukommen (Rossmann, 2021, S. 18–20). Die „Subjektive Norm“ beschreibt in der Untersuchung die Meinung von Personen, die der Coach oder der:die Supervisor:in für wichtig erachten wie die von Kolleg:innen oder des Coachee. Die „Wahrgenommene Verhaltenskontrolle“ hängt von mehreren internen und externen Faktoren ab, die sich nicht immer vorhersagen oder messen lassen. Daher nutzt die Theorie des geplanten Verhaltens die Einschätzung, inwiefern die Person selbst die Wahrnehmung hat, ein Verhalten ausführen zu können (Rossmann, 2021, S. 24). Wenn eine Person nicht in der Lage ist ein Verhalten auszuführen, dann kann die „Wahrgenommene Verhaltenskontrolle“ direkten Einfluss auf ein Verhalten ausüben. Möchte eine Person beispielsweise künstlerische Mittel nutzen, kann sie das nur tun, wenn entsprechende Materialien verfügbar sind.

Im qualitativen Teil der Umfrage wurden offene Fragen gestellt, die in freien Antwortfeldern beantwortet wurden. Deren Antworten wurden anhand einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet. Die Ergebnisse der offenen Fragen ermittelten die Voraussetzungen sowie Hindernisse, um künstlerische Mittel in der arbeitsweltbezogenen Einzelberatung einzusetzen, sowie den Beratungsanlass oder die Zielstellung der Einzelberatung in der künstlerische Materialien eingesetzt wurden, die Wahl des Materials und die Einschätzung des Coaches oder der Supervisor:in zur Wirkung.

An der Umfrage nahmen sowohl Coaches und Supervisor:innen teil, die bereits Erfahrungen mit künstlerischen Mitteln in der arbeitsweltlichen Einzelberatung hatten sowie Personen, die keine künstlerischen Mittel in ihrer Einzelberatung einsetzten.

Die Stichprobe bestand aus 133 Teilnehmenden (N = 133, Geschlechterverteilung w = 101, m = 31, divers = 1). 128 Personen gaben an, eine Ausbildung oder Studium im Bereich Supervision, Coaching oder Organisationsberatung zu haben.

Die Befragten gaben ein Alter zwischen 32 und 78 Jahren (Mittelwert: 56 Jahre, Standardabweichung: 10,067, Spannweite: 46), sowie eine Berufserfahrung zwischen 1 und 47 Jahren (Mittelwert: 19,01 Jahre, Standardabweichung: 12,384, Spannweite: 46) an.

97 Personen (72,9 %) gaben in der Befragung an, mindestens einmal künstlerische Mittel in der berufsbezogenen Einzelberatung angewendet zu haben. 36 befragte Personen (27,1 %) haben niemals künstlerische Materialen genutzt. Vergleicht man die Ergebnisse der geschlossenen Fragen beider Teilstichproben, so zeigt sich, dass der wichtigste Faktor für oder gegen den Einsatz künstlerischer Materialien in der arbeitsweltlichen Einzelberatung in beiden Teilstichproben die „Wahrgenommene Verhaltenskontrolle“ ist (siehe Abbildung 2).

Zwei Kreisdiagramme zu Einflussfaktoren beim Einsatz künstlerischer Mittel in Beratung: Links ‘Ja’-Gruppe (86% Verhaltenskontrolle grün, 11% Norm orange); rechts ‘Nein’-Gruppe (77% Kontrolle violett).

Abbildung 2: Ergebnisse der geschlossenen Fragen der Teilstichproben im Vergleich

Bei der Teilstichprobe, die künstlerische Mittel nutzen, sind die wichtigsten Voraussetzungen für den Einsatz künstlerischer Mittel externe Faktoren wie das Vorhandensein von Materialien, geeigneten Räumlichkeiten und genug Zeit in der Einzelberatung.

Die Teilstichprobe, die niemals künstlerische Mittel nutzt, nennt hauptsächlich interne Faktoren wie fehlende fachliche Voraussetzungen, mangelnde Bereitschaft des Coachees mit künstlerischen Mitteln zu arbeiten oder die fehlenden Erfahrungen im Umgang mit künstlerischen Mitteln als Begründung, sich gegen den Einsatz zu entscheiden.

Im Folgenden werden die Ergebnisse des qualitativen Teils der Personen, die künstlerische Mittel in ihrer arbeitsweltlichen Einzelberatung nutzen, beschrieben. Dabei wurde sich hier auf die häufigsten Antworten beschränkt.

Auf die offene Frage nach den wichtigsten Voraussetzungen für den Einsatz künstlerischer Mittel antworteten 87 Personen (n = 87). Dabei waren die häufigsten Antworten das Vorhanden sein von Materialien (60 %), geeignete Räumlichkeiten (43 %) und ausreichend Zeit für die Einzelberatung (38 %).

Faktoren, die die Befragten davon abhalten, künstlerische Mittel noch häufiger einzusetzen, gaben 86 Personen an (n = 86). Darunter fielen die fehlende Bereitschaft oder Ablehnung des Coachees, mit künstlerischen Mitteln zu arbeiten (47 %) und die Methode passe nicht (immer) zum Beratungsthema oder zum Beratungsprozess (17 %). Weiterhin gaben die Befragten an, dass sie nichts davon abhalte, künstlerische Mittel noch häufiger in der Beratung zu nutzen (17 %).

87 Personen (n = 87) nannten Coachinganlässe und Coachingziele, zu denen sie künstlerische Mittel in der Vergangenheit eingesetzt hatten. Es wurde eine Oberkategorie gebildet, die Persönlichkeitsthemen zusammenfasst. Darunter fielen die Förderung der Selbstreflexion (23 %), Biografiearbeit, Arbeit an Panoramen, berufliche Neuorientierung (16 %), Ressourcenarbeit (16 %) und die Arbeit an Gefühlen (13 %). Außerdem wurden künstlerische Mittel für die Visualisierung genutzt (39 %) und um Lösungsmodelle und neue Perspektiven zu erarbeiten (32 %).

93 Personen (n = 93) gaben an, mit welchen künstlerischen Materialien sie arbeiteten. Die häufigsten Antworten waren Zeichenmaterialien wie Buntstifte, Fasermaler und Tusche (57 %), Pastell- und Ölkreiden (53 %), Acryl-, Aquarell-, Gouachefarben (49 %), Modelliermasse und Skulptur (26 %).

Auf die Frage nach der Wirkung antworteten 88 Personen (n = 88). Am häufigsten wurde genannt, dass der Einsatz künstlerischer Materialien neue Perspektiven und Blickwinkel ermögliche (49 %), Inneres und zuvor Verborgenes sichtbar mache (38 %), die Selbstreflexion sowie die Selbstwirksamkeit steigere (19 %), die Methode einen Ausdruck über eine nonverbale Ebene ermögliche (17 %), sowie eine nachhaltigere Wirkung und eine bessere Verankerung der Ergebnisse bewirke (16 %).

Bei der Teilstichprobe, die niemals künstlerische Materialien nutzten, antworteten 26 Personen (n = 26) auf die Frage, welche Voraussetzungen wesentlich wären, um künstlerische Mittel in der Beratung einzusetzen. Das geeignete Fachwissen oder eine Ausbildung wurden am häufigsten genannt (42 %). Auch der Wunsch oder die Bereitschaft des Coachees mit künstlerischen Mitteln zu arbeiten (31 %) und das Vorhandensein von Materialien (31 %) wurden als wesentliche Voraussetzungen genannt, um die Methode anzuwenden.

31 Personen (n = 31) gaben Faktoren an, die sie davon abhalten, künstlerische Mittel zu nutzen. Sie nannten die mangelnde Erfahrung mit der Methode (48 %), bisher nicht auf die Idee gekommen zu sein, künstlerische Mittel einzusetzen (19 %) und dass die Methode nicht ins Coaching passe (19 %), als wichtigste hinderliche Faktoren.

Der häufigste Grund von Personen, die keine künstlerischen Mittel nutzen, ist die fehlende fachliche Voraussetzung und Erfahrung mit dem Material. Um den Einsatz künstlerischer Mittel in der arbeitsweltlichen Einzelberatung zu fördern, sollten bereits im Studium oder in der Ausbildung zum Coach oder zur Supervisor:in Erfahrungen mit künstlerischen Materialien ermöglicht werden.

Für weiterführende Forschung wären qualitative Interviews mit erfahrenen Coaches und Supervisor:innen aufschlussreich, um Coachinganlässe/-ziele sowie die Wirkung des Materials auf den Beratungsprozess detaillierter zu untersuchen. Ziel wäre es, Arbeits- und Themenbereiche zu identifizieren, in denen sich der Einsatz künstlerischer Mittel in der arbeitsweltlichen Einzelberatung besonders eignet. Die Ergebnisse könnten zur Erstellung einer praktischen Handreichung genutzt werden, um den Einsatz künstlerischer Mittel für Coaches und Supervisor:innen zu vereinfachen und zu fördern.


Literatur

  • Rossmann, C. (2021). Theory of Reasoned Action – Theory of Planned Behavior (2., aktualisierte und erweiterte Auflage). Nomos.

Annika Kaufmann-Döhne

Seit 2022 selbstständig als Supervisorin/Coach in Berlin tätig. Fortbildungen sowie Workshops mit künstlerischen Mitteln der bildenden Kunst zum Thema Selbstfürsorge, professionelles Selbstbild, Stressmanagement und Teambuilding. Coaching, Organisationsberatung, Supervision (M.A., DGSv, in Qualifizierung). Berufserfahrung in der Suchthilfe sowie über 10-jährige praktische Tätigkeit in der psychiatrischen Grundversorgung von Frauen. Kunst im Sozialen, Kunsttherapie und Kunstpädagogik (B.A., DFKGT)

Kreativität im Beratungsprozess: Künstlerische Mittel in der arbeitsweltlichen Beratung