Eine persönliche Reflexion über Klangpädagogik und Supervision
„Ob Sie mit dem analytischen Blick der Supervision überhaupt etwas anfangen können?“
Diese Frage begegnete mir gleich zu Beginn meiner Supervisionsausbildung – freundlich gestellt, aber deutlich in ihrem Unterton. Sie traf einen wunden Punkt: die Unsicherheit, ob zwei Welten, die auf den ersten Blick kaum zueinander passen, wirklich vereinbar sein können.
In meinem Leben konnte ich in unterschiedlichsten Bereichen Berufserfahrungen (Pädagogik, Handwerk und IT) sammeln. Bemerkenswert schien jedoch die Klangarbeit zu sein.
Seit mehr als 15 Jahren arbeite ich hauptsächlich als Klangpädagogin, einem Feld, das vom salutogenetischen Denken geprägt ist: Es richtet den Blick auf Gesundheit, Ressourcen und Selbstwirksamkeit. Klangpädagogik arbeitet mit Menschen während des gesamten Lebenszyklus. Der Blick auf den Menschen ist nicht problemorientiert, sondern stärkend – mit Vertrauen in das, was trägt, nicht mit der Analyse dessen, was fehlt.
Die Supervision, wie sie beispielsweise am FiS gelehrt wird, entspringt einem ganz anderen Geist: dem der Psychoanalyse, der Gruppendynamik, der Konfliktbewusstheit. Sie sucht nach dem Unbewussten, nach Verstrickungen, Übertragungen und den oft unbewussten Mustern, die unser berufliches Handeln prägen.
Zwischen diesen Polen zu stehen, war für mich anfangs ein Spagat – heute ist es eine produktive Spannung.
Zwei Blickrichtungen – und ein gemeinsames Ziel
In der Klangpädagogik geht es um Resonanz. Sie fragt: Was tut mir gut? Was stärkt mich?
Ihr Ziel ist, den Menschen wieder in Kontakt mit seiner eigenen Lebendigkeit zu bringen. Begleitung/Entwicklung geschieht hier nicht durch Analyse, sondern durch Erleben, durch Spüren, durch Vertrauen. Salutogenese statt Pathogenese.
Obertonreiche, lang schwingende Klangschalen werden eingesetzt und wirken dabei vibro-taktil auf den Körper und andererseits durch unterschiedliche Frequenzspektren in Gehirnzentren, beruhigen dabei das gesamte System. In der Klangpädagogik sind positive Bilder, Metaphern und hypnosystemische Geschichte ein wesentlicher Bestandteil. Es wird davon ausgegangen, dass die Situation, in der sich der/die Klient:in befindet, erst seit einer gewissen Zeit belastend ist. Die Erinnerung an das „Davor“ hilft dabei, ein Ziel zu entwickeln, sich an Ressourcen zu erinnern und diese zu mobilisieren.
Die Arbeit mit Skalen macht dabei bewusst, dass der/die Klient:in nicht bei „Null“ beginnt.
Widerstände, die zum Schutz der Klient:innen dienen, werden durch die Klänge entschärft, Klient:innen spüren sich selbst (wieder) in positiver Weise und können Vertrauen zu sich selbst und der Methode aufbauen.
Die Supervision hingegen fragt: Was geschieht hier – und warum? Woher kommt es?
Sie beleuchtet Konflikte, Dynamiken, Widerstände. Sie arbeitet über Sprache, Bewusstheit, Distanz. Ihr Ziel ist nicht Beruhigung, sondern Verstehen. Und Verstehen bedeutet oft auch Irritation.
Allein schon durch die Sprache, die gewählten Begriffe, beginnt ein Verhandeln. Werden Worte auf die gleiche Art verstanden? Sind die Bilder, die sich dahinter verbergen, wirklich identisch oder vielleicht ganz unterschiedlich belegt? Wie wichtig ist dabei ein tiefergehendes Verstehen? Wie oft sind Denk- und Verhaltensweisen festgefahren und dergleichen habitualisiert, dass nicht mehr reflektiert wird?
Dabei blitzt in Sitzungen immer wieder eine Bemerkung aus meiner Supervisions-Ausbildung auf: „Nichts ist natürlich!“
Als ich diesen Satz zum ersten Mal hörte, war mir nicht bewusst, wie prägend er sein würde, und wie oft ich ihn in Supervisionen anbieten könnte. Die Reaktion – eine Irritation, gepaart mit Staunen und darauffolgend ein Aufweichen von festgefahrenen Grenzen, lässt sich nahezu jedes Mal feststellen.
Beide Haltungen sind wertvoll – und beide bergen Risiken. Wer ausschließlich salutogenetisch denkt, läuft Gefahr, Konflikte zu übertünchen. Wer nur analytisch blickt, verliert leicht die Wärme des Kontakts. Ich habe gelernt, dass professionelle Haltung genau dort entsteht, wo beides Raum hat: Resonanz und Reflexion.
Zwischen Vertrauen und Verunsicherung – gesellschaftliche Zuschreibungen
Supervision und Klangpädagogik sind für viele Außenstehende noch unbekannte Felder.
Supervision wird manchmal mit Angst verknüpft („Da muss man sich ja völlig ausziehen“), Klangarbeit dagegen mit Skepsis („Das ist doch esoterisch“).
Solche Zuschreibungen entspringen wohl fehlender Kenntnis der Ansätze und Hintergründe beider Arbeitsbereiche, und spiegeln gleichzeitig, wie stark unsere Kultur an Problem- oder Lösungsorientierung hängt.
Ich habe aufgehört, mich gegen diese Zuschreibungen zu wehren. Heute sehe ich sie als Ausdruck einer Spannung, die auch in mir wirkt: zwischen dem Wunsch, zu verstehen – und dem Vertrauen, nicht alles verstehen zu müssen.
Vom Gegensatz zur Ergänzung
Die supervisorische Haltung lehrt mich, innezuhalten, Ambivalenzen zu halten, Raum zu geben und nicht vorschnell zu beruhigen.
Die klangpädagogische Haltung erinnert mich daran, dass Entwicklung nicht immer über Analyse entsteht, sondern oft über Resonanz, Entlastung und Vertrauen.
Beides zusammen schafft Tiefe:
Wenn ich mit Supervisand:innen arbeite, die in Abwehr oder Widerstand gehen, kann ich mit dem Blick der Supervisorin fragen, was dieser Widerstand schützt und – da wo es angebracht scheint – mit dem Ohr der Klangpädagogin hören, wo Resonanz fehlt.
In klangpädagogischen Prozessen hilft mir der supervisorische Blick, nicht nur die Entspannung, sondern auch die inneren Bewegungen wahrzunehmen, die unter der Oberfläche stattfinden.
So entstehen Begegnungen, die weder konfliktscheu noch problemfixiert sind – sondern beides: zugewandt und erkenntnisoffen.
Spannungen als Lernräume
Inzwischen erlebe ich die Spannung zwischen beiden Ansätzen nicht als Bruch, sondern als Lernraum. Supervision lehrt mich, zu denken und zu spüren, Klangpädagogik lehrt mich, zu lauschen und zu fühlen. Zwischen Denken und Lauschen entsteht das, was für mich das Herz professioneller Begleitung ist: Aufmerksamkeit und Wahrnehmung. Supervision arbeitet mit dem „Woher“ – Klangarbeit mit dem „Wofür“. In beiden geht es um Beziehung – zur Welt, zu anderen, zu sich selbst.
Das eine will verstehen, das andere will berühren. Wenn beides gelingt, entsteht Resonanz – die vielleicht tiefste Form von Verstehen.
Schlussgedanke: Vom Entweder-oder zum Sowohl-als-auch
Ich habe gelernt, dass Vielfalt Klarheit braucht und dass Klarheit kein Gegensatz zu Offenheit ist.
Beide Richtungen, Klangpädagogik und Supervision, fordern Haltung: eine Haltung, die auf mehreren Ebenen hört und wahrnimmt, Nähe und Distanz balanciert, Bewusstheit und Vertrauen verbindet. Vielleicht ist das die Brücke zwischen beiden: Salutogenese fragt, was stärkt – Psychoanalyse fragt, was stört. Professionelle Begleitung braucht beides. Denn Entwicklung geschieht dort, wo wir sowohl unsere Ressourcen als auch unsere Konflikte hören lernen.
Supervision und Klangpädagogik sind für mich keine Gegensätze, sondern zwei Stimmen einer Haltung, die den Menschen in seiner Ganzheit sieht, in seiner Sehnsucht nach Klarheit und seiner Fähigkeit zur Resonanz.
Beate Pihale
Supervisorin, Lehrbeauftragte an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, Master für Erwachsenenbildung/Weiterbildung, mehr als 30 Jahre Erfahrung in Seminartätigkeit und Trainings; Klangpädagogin, Ausbilderin für Peter-Hess-Klangmassage® (Gesamtausbildung) und -Klangmethoden®, Mitarbeit bei Palliativ- und Sterbebegleitung im Rahmen einer SAPV sowie Mitarbeit im Leitungsteam eines SAPV-Trauercafés

