Reflexion und Einordnung eines Supervisionsprozesses
Zusammenfassung:
Was passiert, wenn Supervision nicht in den üblichen Räumlichkeiten einer Institution, sondern zunächst in der Natur mitten im Wald stattfindet?
Die Autorin reflektiert, wie leicht man sich von der besonderen Atmosphäre und den Idealen einer solchen Institution „verführen“ lassen kann und beschreibt ihren Weg, die professionelle Haltung wiederzuerlangen. Unterstützt durch theoretische Bezüge wird deutlich: Supervision in ideologisch geprägten Kontexten bedeutet immer auch, über die besonderen Ausprägungen und deren Auswirkungen im Arbeitsalltag nachzudenken und so Entwicklung auf mehreren Ebenen zu ermöglichen.
Nach nun schon einigen Jahren als Supervisorin mit Teams unterschiedlichster Institutionen fand ich mich Anfang letzten Jahres zu einer Supervisionssitzung auf einem Gelände im Wald im benachbarten Bundesland wieder. Der Raum, der sich dort bot, dient dem Betreuungsteam und den 10 Schülern (Klasse 1–3) einer freien, staatlich anerkannten Schule als Klassenraum.
Einige Wochen zuvor hatte nach der Anfrage ein Vorgespräch mit den beiden Vorstandsfrauen in meiner Praxis stattgefunden. Der Anlass für die Anfrage waren Konflikte zwischen Vorstand/Schulleitung und Betreuungsteam. Die beiden Frauen nannten zudem Unterstützungsbedarf bei der Weiterentwicklung der Schule nach der Gründungsphase und den Erfahrungen der ersten beiden Schuljahre.
In diesem Supervisionsprozess sind immer wieder Fragen, Phänomene, Irritationen und Gefühlsregungen aufgetaucht, die mich beschäftigt und auch herausfordert haben.
Die Reflexion und Einordnung dessen hat zunächst dazu geführt, mich mit Abstinenz zu beschäftigen und nachfolgend mit Ideologischem – das dort verankert ist und mir in seinen Ausprägungen und Wirkungen begegnete.
Damals nach der ersten Sitzung war mein Gefühl, zu tief eingetaucht zu sein, als ich auf Bodenkissen sitzend, Tee in der Mitte, ein Hund im Raum, dennoch in der mir gewohnten Form fragend anstehende Themen bearbeitete. Der Gedanke der Einhaltung von Abstinenz entsprach wohl aus heutiger Sicht eher dem selbst auferlegten Verbot, mich nicht in dieses ungewöhnliche Setting begeben zu dürfen als professionelle Supervisorin.
So verhalf mir der Artikel von Inge Zimmer-Leinfelder zur Abstinenz, dies einordnen zu können. Sie beschreibt zunächst den Abstinenzbegriff in der psychoanalytischen Therapie auch in seiner Entwicklung und bezieht sich dann auf die Supervision:
„Abstinenz als Bestandteil der supervisorischen Haltung ist nicht zu verstehen als konkrete Verhaltensregel oder als Verhaltensverbot. Sie fordert keine Neutralität oder emotionale Kargheit. Die Supervisionsbeziehung ist eine lebendige Arbeitsbeziehung, in der beide Beziehungspartner im Rahmen ihrer Rollen und des vereinbarten Settings aufeinander reagieren. Abstinenz bedeutet, dass die Blickrichtung und damit auch die Interventionsrichtung, der Supervisand, die Supervisandin und deren im Kontrakt vereinbarte berufliche Fragestellungen sind…“ (I. Zimmer-Leinfelder, Forum Supervision, Heft 38, 2011)
Inhaltlich war es trotz dieses ungewöhnlichen Settings gelungen, die Unzufriedenheit mit den abendlich stattfindenden digitalen Besprechungen aufzugreifen und das Setting auf Wunsch des Teams zu verändern in regelhaft stattfindende Besprechungen (auch ohne Vorstand) zur Unterrichtsgestaltung. So war ein erster Schritt zu einem Punkt gelungen, der immer wieder zu Konflikten geführt hatte.
Die Szenerie der ersten Sitzungen in der Balintgruppe als Fall vorzustellen und damit zu „veröffentlichen“ und die vielfältige Resonanz der KollegInnen in die weiterführende Reflexion miteinbeziehen zu können, war wichtig und hilfreich
Der für mich ungewöhnliche und zugleich „exotische“ Ort bedurfte der inneren Arbeit und Reflexion. Was erzählt mir dieser Ort über das Team und die Organisationskultur? Dazu fand ich einen Fachbeitrag in der Zeitschrift Supervision:
„…Räume sind mehr als bloße Kulisse. Sie sind Resonanzräume, die nicht nur für die Supervisor:innen, sondern auch für die Supervisand:innen eine prägende Wirkung entfalten. Räume spiegeln die Organisationskultur wider, erzählen Geschichten über Werte, Strukturen und Dynamiken und geben uns Supervisor:innen wichtige Hinweise…“(Manuela Meier, Räume vor Ort, Supervision 2.2025)
Der Bauwagen und der Wagenplatz mitten im Wald ist zu jeder Jahreszeit und Witterung das Schulgelände für die SchülerInnen und der Arbeitsort für das Kollegium, was sehr viel Idealismus voraussetzt, und eine hohe Verbundenheit mit diesem alternativen Konzept. Die Natur bietet vielfältigen Freiraum und Gestaltungsraum, bedarf aber immer wieder der Regulierung und Begrenzung auch aufgrund der Wetterlage. Die Räume in der Natur waren immer wieder Thema in den Sitzungen und daher war es wichtig und bedeutsam, auch vor Ort zu sein und dies zu erleben.
Gefühlsmäßig war ich damals eingeladen, ein Teil dieser besonderen Schule zu werden. Über die Lobesrufe meiner Arbeit als Supervisorin mit dem Kollegium der regional nahen Montessorischule war der Kontakt entstanden, was meinem Ego schmeichelte und mich zunächst auf irritierende Weise gebunden hat.
In einem Fachbeitrag von Barbara Wiese (Forum Supervision , Nr. 10 Oktober 97) fand ich dazu hilfreiche weiterführende Theorieaspekte.
„Institutionen mit besonderer ideologischer Prägung üben einen besonderen Reiz aus. Sei es, dass man sich besonders zu ihnen hingezogen fühlt, sei es, dass sie eher abstoßend wirken. Die eigene affektive Resonanz ist im Vorfeld deutlich spürbar…“
„Eigene ideologische Anfälligkeiten, Identifikationsbereitschaften – auch als Gegenidentifikation – werden leichter in Gang gesetzt, wenn SupervisorInnen es mit stark ideologieträchtigen Institutionen zu tun haben.“
Dies erklärt mir meine innere Affinität und besondere Neugier zu dieser Anfrage im Vorfeld des Prozesses, und das Gefühl, dass ich „auserwählt“ wurde für diese besondere Schule in der Natur: eine Alternative zum Regelschulsystem, das mich selbst geprägt hat und das ich durch meine Töchter an verschiedenen Stellen mit den dortigen Begrenzungen erlebt habe.
„die …Voreinstellungen und Phantasien, die sich im Vorfeld vor dem Erstkontakt mit Institutionen herausbilden können, korrespondieren mit genau diesen Tendenzen der Institutionen selber. Das bedeutet, dass affektive Besetzung und besondere Neugier den „Sog“ in eine Institution beschleunigen können.
Dies kann ich für mich so bestätigen – im Nachhinein eine wichtige Lernerfahrung, da ich aus jetziger Sicht zu schnell in den Prozess eingestiegen war, ohne den Kontrakt zu reflektieren und den konzeptionellen Hintergrund differenziert zu beachten.
Das zeigte sich auch bei einigen der Eltern, die sehr schnell Teil der Gemeinschaft wurden, indem sie die Ausrichtung der Naturschule undifferenziert, weil alternativ, angenommen haben und als „Begeisterte“ vom Vorstand und der Schulleitung aufgenommen wurden. Im Laufe des Prozesses ergaben sich vermehrt Konflikte zu Pünktlichkeit, regelmäßigem Schulbesuch und deren Einhaltung. Bei genauerer Betrachtung wurde deutlich, dass die Aufnahme von Schülern und Schülerinnen eines zeitintensiven Prozederes bedarf.
Mich zu Beginn, zeitweise sehr nah, in die Welt dieser Schule zu begeben, mich verwickeln zu lassen, hatte nach meiner Wahrnehmung auch zur Folge, dass anfängliche Widerstände, insbesondere von der Schulleitung, spürbar weniger wurden. So konnte auch von ihr eine differenzierte Betrachtung und Erarbeitung der Rollen und Aufgaben im Sinne eines Organigramms angenommen werden. Dies geschah am Flipchart in einer Sitzung in meiner Praxis, zu der ich eingeladen hatte. Hierbei wurde deutlich, dass die Rolle der Schulleitung, die gleichzeitig im Vorstand und Mutter war, aufgrund dieser Rollenkollusion äußerst konfliktbehaftet war, was sich in der Realität immer wieder gezeigt hat. Sie trug die Gründungsidee in einer Form, die nur schwer verhandelbar war. Gleichzeitig musste sie in ihrer Rolle als Schulleitung auf konflikthaftes Geschehen im Schulalltag reagieren, was oftmals nicht mit ihrer Überzeugung übereinstimmte. Dies konnte im Verlauf des Prozesses von mir benannt und besprochen werden.
Immer wieder kam ich in Berührung mit Ausprägungen von Idealisierung und einem fast zementierten Blick auf die Ausgestaltung der institutionellen Wirklichkeit der Schule.
Diese Wahrnehmung führte mich zur Beschäftigung mit der Bedeutung von Haltungen, die mir dort begegneten.
Der Artikel von Beate Bühler-Plänkers und Ulrich Klauke: „Ideologie hält geborgen und gefangen“ (Forum Supervision Nr. 16, Okt. 2000) war dabei erhellend und hilfreich.
Zunächst wurde mir beim Lesen deutlich, dass die Schule an vielen Stellen noch in der Gründungsphase verhaftet war, sodass Überzeugungen und Haltungen beharrlich vertreten wurden. „Wenn nur die Haltung zum Kind stimmt, dann braucht es wenig weitere Strukturen“ (o-ton). Die Befürchtung, sich in Folge des notwendigen Regelungsbedarfs in Richtung Regelschule zu bewegen, war immer wieder spürbar.
In dem Artikel wird ein offener Ideologiebegriff als ein „an eine soziale Gruppe, eine Kultur o. ä. gebundenes System von Weltanschauungen, Grundeinstellungen und Wertungen“ benannt.
In der dortigen Einordnung konnte ich Aspekte wiederfinden, die mir im Supervisionsprozess begegneten und die ideologische Prägung deutlich machten.
„Wahrheitsanspruch, Be- und Entwertung (richtig/falsch) Starke Vorstellung von der Richtigkeit der eigenen Überzeugungen, kollektiv getragen“
„Schwer verhandelbare Vorstellungen, nicht ins Bild passende Aspekte der Realität müssen ausgeblendet werden, damit wird die Lösung komplexer Probleme erschwert“
„Ideologie hält geborgen und gefangen“ fand ich dort immer wieder auch im Sinne eines wenig differenzierten Umgangs der Teammitglieder untereinander und mit der Leitung, was ich an einem Beispiel erläutern möchte:
Im Vorfeld zu einem Supervisionstermin rief mich die Vorsitzende an und bat um einen Telefontermin, bei dem sie mir schilderte, dass ein Schulbegleiter heftig strafend den Kindern verboten hatte, z. B. Moos zum Bauen zu verwenden und Ähnliches. Diesen Konflikt zu konfrontieren und angemessen zu besprechen, war eine fast nicht zu erklimmende Hürde. Es bedurfte einer Brücke mit einem Fragebogen zur Selbsteinschätzung der Haltung zur Arbeit, der von allen im Rahmen einer erweiterten Supervisionssitzung bearbeitet und besprochen wurde. Daraufhin konnte die Schulleitung als Fremdeinschätzung dies, wie ich fand, in einer sehr wertschätzenden Form rückmelden. Somit war es nicht gerade eine übliche supervisorische Intervention, eher ein fortbildnerisches Übergangsobjekt, das ich da zum Einsatz gebracht hatte.
In diesem Gefangensein lag nach meiner Wahrnehmung auch die Befürchtung, dies alles zu verlieren, wenn die Regelungen den alternativen Rahmen verlassen und die zahlenden Eltern Ihre Schüler abmelden oder wenn Teammitglieder dies nicht mehr mittragen können und kündigen. Dies konnte ich fragend benennen und habe damit allerdings immer wieder spürbar schwierigen schwankenden Boden betreten.
Im Laufe der Zeit wurde mir bewusst, wie entscheidend es ist, dass die Mitglieder von Schule, Team und Vorstand das Ansprechen und Aufdecken innerer und äußerer Konflikte aushalten (lernen) können, um dadurch Weiterentwicklung zu ermöglichen.
Bei allen Schwierigkeiten war meine Haltung immer auch geprägt von Wertschätzung für die Arbeit des Schulteams und die unermüdliche Arbeit des Vorstandes, dieses Schulprojekt zu etablieren und die Weiterentwicklung voranzubringen.
Es gab in diesem Prozess wertvolle Erkenntnisse zu Institutionen, die ideologisch geprägt sind. Durch die Besprechung in der Balintgruppe und die intensive Beschäftigung auch mit theoretischen Hintergründen ist es mir gelungen, meinen inneren Denkraum wieder zu erlangen – eine sehr gute gewinnbringende Erfahrung.
Literatur:
- Inge Zimmer-Leinfelder: Abstinenz – ein psychoanalytisches Konzept in seiner Bedeutung für Supervision. Forum Supervision Nr. 38, Oktober 2011
- Barbara Wiese: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ Gedanken zur Dynamik zwischen ideologischen Ansprüchen von Institutionen und Supervision. Forum Supervision, Nr. 10, Oktober 1997
- Beate Bühler-Plänkers, Ulrich Klauke: Ideologie hält geborgen und gefangen. Forum Supervision Nr. 16, Oktober 2000
- Manuela Meier: Räume vor Ort Zeitschrift Supervision 2.2025 Psychosozial-Verlag
Hildegard Jung
Jahrgang 1960, zwei erwachsene Töchter, lebt und arbeitet in der Südpfalz, Supervisorin DGSv (seit 1992), Balintgruppenleitung DGB (seit 2020), Freiberuflich, Praxis für Supervision und Beratung hildegard-jung-beratungspraxis.de

