… besonders, wenn man beziehungsanalytisch an Beratung herangeht. Wie meine Beziehungsanalytische Ausbildung meine Arbeit als Supervisorin bereichert, darüber möchte ich einen kleinen Einblick geben.

Ausbildung und Entwicklung

Ende der 1980er Jahre begann ich mein Supervisionsstudium an der Gesamthochschule in Kassel, parallel zu meiner Arbeit als Lehrerin an einer Realschule. Der damalige Studiengangsleiter Norbert Lippenmeier sagte beim Vorgespräch, dass man entweder aus der Krise komme oder in die Krise gehe, wenn man sich für das Studium entscheide. In meinem Fall hatte er recht. Und so begab ich mich während des Studiums zusätzlich noch in eine Psychoanalyse.

Als Lehrerin hatte ich viele Jahre wöchentlich eine Balintgruppe besucht. Psychoanalytisches Denken war mir daher vertraut und ich fand es sehr hilfreich.

Nach Abschluss des Studiums begann ich – inzwischen aus dem Schuldienst ausgeschieden – meine supervisorische Arbeit in eigener Praxis und glaubte, über gute Voraussetzungen zu verfügen. Aber ich merkte bald, dass mir an wesentlichen Stellen Wissen und Erfahrung fehlten.

Um Gruppen und Teams besser zu verstehen, nahm ich daher in den folgenden Jahren an etlichen gruppendynamischen Trainings teil und verstand vor allem mein eigenes Verhalten in Gruppen am Ende besser, natürlich auch, wie Gruppen funktionieren. Bei der Arbeit mit Einzelpersonen wuchs mein Wunsch, ihr Verhalten, ihre Befürchtungen und ihre Blockaden auf einer tieferen Ebene besser zu verstehen. Mein supervisorisches Handwerkszeug reichte dafür nicht aus.

In den Anfangsjahren als Supervisorin hatte ich meinen Praxisraum in einer Praxisgemeinschaft mit psychoanalytisch arbeitenden Therapeutinnen, an deren Fallbesprechungen ich teilnahm. Vielleicht verstärkte auch das mein Bedürfnis nach mehr Wissen.

So entschied ich mich für die Teilnahme an der Weiterbildung zur Paar- und Familientherapeutin im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Beziehungsanalyse/Arbeitskreis Nordrhein-Westfalen, die von Thea Bauriedl mitgegründet war und von Jürgen Maurer und Eva Wenschkewitz geleitet wurde.

Der beziehungsanalytische Ansatz

Thea Bauriedl, Professorin und Psychoanalytikerin aus München, beeindruckte mich bei einem Vortrag in Hannover nachhaltig. Ich nahm mit, dass man auch ohne Couch psychoanalytisch arbeiten kann – ausdrücklich auch als Supervisorin.

Das Kernelement der von Bauriedl entwickelten Beziehungsanalyse ist das Selbstverständnis des Professionellen im Beziehungsprozess. Es geht um eine Haltung auf Augenhöhe mit den Klientinnen und Klienten, demokratisch und selbstbestimmt, bei der Toleranz sich selbst und den anderen gegenüber im Vordergrund steht. In Beziehung treten heißt dabei auch, Schwierigkeiten zu riskieren und diese verstehend wieder aufzulösen.

Die Ausbildung umfasste Theorieblöcke, Seminare und – über die eigentliche Ausbildungszeit hinaus – angeleitete beziehungsanalytische Gruppensupervisionen der eigenen Therapie- bzw. Beratungsfälle.

Das Herzstück bildete die zweijährige Familienselbsterfahrung in der Ausbildungsgruppe.

Die Verwicklung in die Familiendynamik der eigenen Herkunftsfamilie in der Ausbildungsgruppe zu erleben, war eine wichtige Erfahrung. Dass sich dabei die familiären Übertragungsmuster der Gruppenmitglieder und die der Leitung überlagern und wiederum Gegenübertragungen auslösen, machte es komplex – ebenso, wie wir es auch in Teams und Supervisionsgruppen vorfinden.

Und das Eigene von dem der anderen unterscheiden zu können, ist die Voraussetzung für Klarheit in der Beratung.

Das Wahrnehmen der eigenen Gefühle, Fantasien und Wünsche im Beratungsprozess könnte dann z. B. folgendermaßen aussehen:

„Was erlebe ich gerade, in welcher Art von Beziehung befinde ich mich? Was darf gefühlt und gewünscht werden und was nicht? Welche Bilder entstehen in mir? Was sage ich, was macht mir Angst, wieviel kann ich davon aushalten? Und was davon kann ich mitteilen? Und inwiefern ist meine Angst auch ein Teil der Angst, die in der Gruppe herrscht oder in der Institution? Was will ich für meine eigene Sicherheit tun?“

Diese Selbstreflexion fördert Bewusstheit, Empathie und Abgrenzung gleichermaßen.

Die eigene Abstinenz, und auch schon die Veränderung in den Beziehungsstrukturen, würde dann darin bestehen, nicht mit sich machen zu lassen und die eigenen Grenzen zu achten, die Grenzen der anderen zu berücksichtigen und sie nicht für die eigenen Bedürfnisse zu benutzen und auch keine Bündnisse einzugehen als Abwehr von Konflikten, sondern frei und neutral und flexibel zu bleiben. (s. Dott in Herberth/Maurer (2001): „Die Veränderung beginnt im Therapeuten“ S. 155 ff.)

Das sind hohe Ziele und in ihrer Absolutheit nicht erreichbar, aber sie stellen für mich eine Orientierung dar und haben mir zu einer supervisorischen Identität verholfen, die auf  klaren Konturen und emanzipatorischen, Resilienz fördernden Grundannahmen beruht. Es schließt ja mein eigenes familiäres Geworden Sein mit ein und erlaubt, unvollkommen zu sein.

Thea Bauriedl war im Laufe ihres beruflichen Lebens auch immer politisch engagiert und hat sich viel mit der Auflösung von Feindbildern, von Schuldzuschreibungen und von Über- und Unterwertigkeit befasst. (s. Bauriedl „Auch ohne Couch“ (1994) S. 332 ff.)

Sie betonte zudem die Bedeutung, ambivalente Haltungen auszuhalten und sich mit den Gefühlen zu beschäftigen, die durch Spaltung verdrängt werden sollen. Die Aufhebung der Sprachlosigkeit und die Wiedereinführung des Dialogs waren ihr wichtig. Und sie sah die Fähigkeit zum Konflikt als die Voraussetzung zur Fähigkeit zum Kontakt an.

Drei Fallbeispiele aus der Praxis

Im Folgenden möchte ich drei Beispiele vorstellen, in denen mir meine beziehungsanalytischen Kenntnisse hilfreich waren:

1. Eine Klientin Ende 50, die als Angestellte in einer großen Organisation arbeitet, sucht Unterstützung wegen Konflikten mit einer Kollegin und ihrem Vorgesetzten.

Beim ersten Hinhören wäge ich unterschiedliche Hypothesen ab: Geht es hier um Mobbing, um Altersdiskriminierung, um Ungerechtigkeit?

Ich höre zu, frage nach, versuche zu verstehen. Und dann stelle ich zur Verfügung, dass ich ein Familiensystem mit zwei Schwestern vor Augen habe, die miteinander um den besseren Platz in der Familie konkurrieren und um die Aufmerksamkeit des Vaters. Die Klientin steigt, ohne zu zögern auf mein Bild ein, erzählt von der bedrückenden Beziehungsgeschichte mit ihrer Schwester, und für eine ganze Weile beschäftigen wir uns mit der Ursprungsfamilie und dann mit den gegenwärtigen Familienbeziehungen.

Trotz der detaillierten Beschreibung der Arbeitsplatzsituation wanderte ich gedanklich in einen ganz anderen Bereich. Meine Klientin folgte mir und fühlte sich gesehen und verstanden in ihrem Grundkonflikt.
In den darauffolgenden Sitzungen profitierte die Klientin davon, die beiden Szenen, also den Schwesternkonflikt und den im Büro, voneinander zu trennen und dann selbstbewusster und selbstbestimmter für sich im Arbeitsfeld eintreten zu können.

2. Ein Klient, der ein kleines Unternehmen leitet und Vater von 4 Kindern ist, möchte mit meiner Unterstützung verstehen, warum er gegenüber einer provozierenden Mitarbeiterin zu nachgiebig ist und sich scheut, klare Worte zu sagen.

Bei den eigenen Kindern wäre er konsequent in der Erziehung, da hätte er keine Probleme. Mir fällt es schwer, mich bei all dem, was ich höre, in meinen Klienten einzufühlen und ihm nicht mehr Vehemenz zu empfehlen. Ich sehe seine Stärken und frage mich, warum ihm in dieser Situation die Durchsetzungskraft fehlt. Auch ich verstehe sein Verhalten nicht.

Deshalb erkundige ich mich, ob er das kenne aus seiner Biographie, jemanden so zu schützen. Ob es also ein vergleichbares Verhalten in einer ganz anderen Szene gäbe. Und sofort höre ich von einer analogen Situation in der Ursprungsfamilie, in der der Klient aus unterschiedlichen Gründen so vorsichtig im Umgang mit seiner Mutter war und meinte, ihr nichts zumuten zu dürfen. Nachdem diese Beziehung noch einmal angeschaut und gefühlt werden konnte und die Diskrepanz zwischen den eigenen Bedürfnissen und dem Handeln damals betrauert werden konnte, fiel auf die Szene im Unternehmen ein ganz neues Licht und meinem Klienten fiel es leichter, seinen eigenen Gefühlen in seiner Rolle als Chef konsequent Ausdruck zu verleihen.

3. Teamsupervision in der Forensischen Psychiatrie

Ich supervidiere Mitarbeitende eines Krankenhauses für psychisch kranke Straftäter. Für mich sind die potentielle Gewalt, Angst und Unsicherheit von dem Augenblick an präsent, als ich das Gebäude betrete und die Pforte passiere, wo ich meinen Personalausweis lasse. Die Strecke zum Supervisionsraum gehe ich alleine, muss aber weit genug weg von den Fenstern der Patienten sein, damit sie nicht „auf mich draufpinkeln können“ (Empfehlung des Stationsleiters).

In der Eingangsrunde einer Supervisionssitzung berichtet ein erfahrener Pfleger, dass er in der vergangenen Woche von einem Patienten tätlich angegriffen worden sei, er das gut weggesteckt habe, aber ihn das auch später noch beschäftigt hätte, das würde ihn verwundern. Durch meine eigene Offenheit, auch persönlich zu benennen, dass ich in ihrer Einrichtung manchmal mutiger tue als ich bin, öffnet sich ein Raum in mir. Aber auch für die Teammitglieder wird es durch den Bericht des Kollegen möglich, die verdrängte Angst zu spüren und gemeinsam darüber zu sprechen. Neue Sicherheitsmaßnahmen werden angeregt. Es wird auch noch einmal dringend geraten, sich sofort nach einem Vorfall mit Gewalt einem dafür ausgebildeten Kollegen anzuvertrauen.

In der Folge konnte der betroffene Mitarbeiter wieder unbeschwerter zur Arbeit gehen – und auch ich fühlte mich beim nächsten Besuch geschützter.

Schluss

„Wer sich selbst nicht kennt, kann andere Menschen nicht so annehmen, wie sie sind. Er wird immer die Anteile im anderen kritisieren und ablehnen, die er bei sich selbst entweder nicht kennt oder die er bei sich selbst ablehnt. (…) Die eigene Selbsterfahrung vermittelt auch ein Gefühl dafür, wie lange es dauert, bis sich (…) Strukturen lockern.“ (Bauriedl, Auch ohne Couch, S. 351)

Sich des beziehungsanalytischen Ansatzes immer wieder bewusst zu werden und die Selbsterfahrung als lebenslangen Lernprozess wach zu halten, erfordert Räume und Unterstützer.

Mit Teilen meiner ursprünglichen Ausbildungsgruppe treffe ich mich bis heute zweimal jährlich zu einem Wochenende, an dem wir berufliche Fälle und persönliche Themen bearbeiten. Das belebt immer wieder die selbstreflexive Haltung. Ich habe außerdem mit Supervisionskollegen Intervision und Supervision für meine psychotherapeutische Arbeit. All dies halte ich für notwendig, um in Kontakt mit dem, was in mir vorgeht, zu bleiben und damit eine gute supervisorische Arbeit zu machen.

Ulrike Dörries-John

*54, Aktuell: Dipl.Supervisorin (DGSv), Lehrsupervisorin und Psychotherapeutin (HP) in eigener Praxis in Karlsruhe. Davor: Lehrerin, Lehrbeauftragte an Hochschulen und Leiterin einer Beratungsstelle. Zwischendrin: Einige Jahre Leben und Lernen in Frankreich

Was in uns passiert, ist wichtig für eine erfolgreiche Supervision