Über Ressentiments und ihre Heilung.
Berlin, Suhrkamp Verlag ISBN 978-3-518-58795-9
Von einer geschätzten Kollegin kam vor einigen Monaten die Empfehlung zu diesem Buch. Und sie hatte Recht: seit ich es in den Händen habe, beschäftigt es mich. Dabei ist es anspruchsvoll geschrieben, keine leichte Lektüre. Aber die gedanklichen Impulse sind so vielfältig, dass ich mir immer wieder Zeit nahm, um über das Gelesene nachzudenken und es zu verarbeiten. Dazu ist die Gliederung hilfreich, denn die Autorin schreibt viele kleine Unterkapitel (54 an der Zahl), mit denen sie ihren Gegenstand immer wieder neu einkreist.
Vielleicht muss ich zu Beginn deutlich machen: das Folgende ist keine kurze Rezension, sondern eine sehr ausführliche und umfangreiche Inhaltsangabe. Ich habe mich dazu entschlossen, weil der Inhalt dieses Buches eine so große Aktualität besitzt.
Denn Cynthia Fleury, französische Philosophin und ausgewiesene Psychoanalytikerin, nimmt die Herausforderung an, vor der unsere Gesellschaften in den letzten Jahren so unausweichlich stehen: das Ressentiment, der Hass, der Groll und die unbezähmbar scheinende dumpfe Unzufriedenheit, die sich im Internet ausbreiten und offenbar auch in Wahlen Gehör verschaffen. Ihre These zu diesem Phänomen zeigt sich schon im Titel: „Hier liegt Bitterkeit begraben“, und sie belässt es nicht bei der sich damit spontan einstellenden Erklärung, dass eben emotionale Mangelerfahrungen in Kindheit und Jugend der Grund sind für Ressentiment und für das nagende Gefühl, nicht am Leben der anderen teilhaben zu können. Das Buch weitet den Blick auf grundlegende politische Vorgänge und muss darum auch als ein Beitrag zur politischen Psychologie gelesen werden.
In drei Kapiteln, die sie wie ein „Möbiusband“[1] ineinander verflochten sieht (Fleury 2023, S. 115), folgt sie dem Thema mit drei Metaphern. Das erste Kapitel betrachtet das Ressentiment als ein Phänomen der Bitterkeit und sucht begriffliche Klarheiten (frz.: l ’amer=das Bittere). Das zweite Kapitel befasst sich mit dem Ressentiment im Faschismus, das sie hier im Sinne einer Verweigerung deutet, sich von der Mutter (frz.: la mer=die Mutter) zu lösen, d.h. das notwendige Erwachsenwerden im Sinne einer Individuation und Trennung von der Mutter nicht zu vollziehen. Das dritte Kapitel nimmt mit der Metapher vom Meer (frz.: la mère=das Meer) den Gedanken auf, dass sich der Mensch, wenn er sich getrennt hat, in der Auseinandersetzung mit der Realität immer wieder neu erfinden muss, denn die Zukunft ist das Offene, das noch Ungestaltete, metaphorisch das offene Meer.
I Das Bittere. Was der Mensch im Ressentiment erlebt.
Schritt für Schritt folgt sie in diesem Kapitel dem Phänomen, das in der menschlichen Kulturgeschichte nicht neu ist und manche Philosophen schon früh zu gedanklichen Einlassungen, zu ersten Erklärungen und Begriffsbildungen angeregt hat. Und sie entdeckt dabei seine Facetten, wie das „Wiederkäuen“ von bitteren Erfahrungen, den bewussten Groll, den man nicht verlieren will, weil er einem eine gewisse Hoffnung auf Rache verschafft, den Verlust der Fähigkeit, mit der eigenen Urteilskraft Unterscheidungen vorzunehmen und seine Verstärkung in den Echokammern der Gesellschaft. Sie sieht das Ressentiment als eine Form der Verarbeitung von bitteren Erfahrungen, eine Form, die zu einer dauerhaften Opferhaltung führt, wenn man sich nicht davon lösen kann und nach und nach in eine Entfremdung zu sich selbst hineingerät. Sie zitiert den politischen Philosophen und Psychoanalytiker Cornelius Castoriadis (1922–1997). Ihm zufolge könne man ein solches Individuum als entfremdet bezeichnen, nicht in einem allgemeinen soziologischen Sinne, „sondern genau in dem Sinne, dass es ‚durch‘ sich selbst ‚von‘ sich selbst enteignet wird.“ (Fleury 2023, S. 17) Genau hier aber müsse die Psychoanalyse ansetzen, nämlich eine andere Beziehung zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten schaffen und diese Entfremdung rückgängig machen helfen.
Wie aber entsteht das Ressentiment, wenn man an politische Aspekte denkt? Hier verweist die Autorin auf Scheler. Demzufolge entstehe das Ressentiment durch misslungene Demokratie, d. h. „durch eine Diskrepanz zwischen den anerkannten und gleichen politischen Rechten und der Realität konkreter Ungleichheiten.“ (Fleury 2023, S. 35) In Erweiterung dieser Position geht sie aber davon aus, dass auch strukturell im Menschen angelegte Aspekte eine wichtige Rolle spielen, dass es eben Menschen gebe, die mit diesen Ungleichheiten psychisch anders umgehen könnten als andere, weil sie es nach und nach gelernt hätten. Und sie grenzt sich von Scheler ab, der sich auch in anderer Hinsicht eher als antimodern und aristokratisch zeige.
Die Psychoanalytikerin Fleury klopft dann das Theorem vom falschen Selbst (Winnicott) daraufhin ab, was es zum Verständnis von Ressentiment beitragen könnte. Winnicott hatte mit diesem Theorem eine Persönlichkeit beschrieben, die das falsche Selbst für sich erfindet, um sich gegen Bedrohungen für sein Selbstbild und sein psychisches Leben zu verteidigen, eine Art Scheinpersönlichkeit, hinter der das zerbrechliche und psychisch anfällige ‚wahre Selbst‘ verborgen werde. Dieses besteht aber fort, es ist sich dieser Spaltung bewusst und weiß, „dass sie nicht von Dauer ist und dass man sich von ihr freimachen muss, um sich wieder auf den Weg des wahren Handelns zu begeben.“ (Fleury 2023, S. 40)
Das Ressentiment verlagere die Ursachen des eigenen Unglücks nach außen und vergäße die Wahrheit, dass es ein Innen und ein Außen gebe, ein Innen, mit dem der Mensch seine Erfahrungen verarbeiten und balancieren könne. Mit Montaigne und seinen Essais ist sie der Meinung, dass man sich erlittenen Kränkungen stellen müsse und dass es möglich sei, der Rachsucht zu widerstehen. Sie erläutert, dass eine solche Arbeit helfen könne, die Entfremdung von sich selbst aufzuheben und dass es darum gehe, sich vom Ressentiment nicht zerfressen zu lassen, sondern durch das Verstehen abzuwehren und die Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen. Das aber verlange eine Distanzierung und die selbstreflexive Fähigkeit, den Blick auch auf sich selbst zu richten. Aber das Phänomen des Ressentiments zeige, dass man hier in einer illusionären Verstrickung gefangen sei und dass die letztlich nie ganz zu erfüllende Erwartung einer „Wiedergutmachung“ einen geradezu mit Lustgewinn darin festhalten könne.
Aus Sicht der Autorin ist ein zentrales Mittel, aus diesen Verstrickungen herauszufinden, der Weg ins Handeln, in das Risiko des eigenen Denkens und in die Verantwortungsübernahme hinein. Handeln verschafft Einblicke in die Realität, in deren Grauzonen und Uneindeutigkeiten. Es konfrontiert mit konkreter Erfahrung und ihren Unwägbarkeiten, mit eigener Entscheidungsunsicherheit. Das Schaffen, das eigene Schöpferisch-Werden zeige auch die eigenen Grenzen auf und könne verkannte Verhältnisse geraderücken.
Das Buch wandert durch die Philosophiegeschichte und nimmt die Fäden großer Denker zu Hass und Ressentiment auf (wie u. a. von Nietzsche oder Hegel). Fleury verweist auf das „Erkenne Dich selbst“ von Dionysos und Zarathustra und erläutert die Figur des Dionysos so: „Er ist in seinem Inneren vielfältig, aber er ist auch relational, gebunden an diejenigen, die ihn begleiten, wie Stücke von ihm, wie Sequenzen des Lebens und wie Fremde, die nie er selbst werden und die er nie sein wird.“ (Fleury 2023, S. 71)
Dieses Bewusstsein einer inneren und äußeren Vielfalt aber ist im Ressentiment verlorengegangen. Es sucht nicht die Auseinandersetzung, sondern nur die Bestätigung seiner Weltsicht. Dabei verhehlt die Autorin nicht, dass es strukturelle Bedingungen gebe in der Gesellschaft, die Ressentiments erzeugen oder befördern. Die Beschäftigung damit sei Aufgabe der Politik und des Rechtsstaates und es sei keine Nebensächlichkeit, Lebens-Bedingungen zu schaffen, die nicht das Ressentiment schüren und Mittel bereitzustellen, mit denen Mitwirkung und „welthaltige“ Erfahrungen möglich seien.
II Faschismus. Zu den psychischen Quellen des kollektiven Ressentiments (S.114ff)
Die Autorin rezipiert zunächst Adorno, der sich in seinen Reflexionen aus dem beschädigten Leben schon damit befasst habe, wie man dem Grauen begegnen kann, das bereits hinter einem liegt und dem, das sich ankündigt. Er verfolgte nicht die hegelsche Perspektive einer Synthese nach These und Antithese, sondern hielt sich auch philosophisch an die Musik, mit der ein Offenes, eine Improvisation möglich sei, wenn man sich den Illusionen einer Überwindung nicht überlassen wolle.
Adorno versuche, die Mechanismen des faschistischen Denkens zu verstehen – die Beziehungen zu einem Führer als Erweiterung des eigenen schwachen Selbst – und die damit verbundene Zustimmung zu einer Verdinglichung und Unterwerfung. „Das Ressentiment ist eine Verfolgungskrankheit: Man glaubt ständig, das Objekt einer äußeren Verfolgung zu sein, fühlt sich nur als Opfer und lehnt in dieser Haltung die Verantwortung für sich selbst ab. Und diese Verfolgungskrankheit schlägt um in die Lust an der Verachtung, denn es gibt zwar die Verachtung der Unterwerfungshaltung, aber auch die Präferenz, die Unterwerfung für restlos zu halten, um sie besser umzukehren und seinem voll und ganz gerechtfertigten Trieb freien Lauf zu lassen, den anderen zu zerstören …“ (Fleury 2023, 119)
Die ressentimenthafte Persönlichkeit ist unterwürfig, damit sie ihren eigenen Autoritarismus nur besser entfalten kann. Adorno, der in seinem Exil die Prekarisierung und das Vergessen, die Demütigungen am eigenen Leibe erlebt hat, plädiert für eine „Minima Moralia“, eine Moral der Fragmente, mit der der Ausweg gesucht werde, der Blick auf die kleinen Fluchten, das kleine Mauseloch, mit dem doch noch ein Widerstehen möglich ist … Von Adorno ist bekanntermaßen das Wort von der Unmöglichkeit, nach Ausschwitz Gedichte zu schreiben, überliefert. Und doch waren Kunst und Dichtung für ihn Refugien, er verstand das Schreiben als Widerstand gegen das Ressentiment.
Bei der Frage, welche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in ihrer Gesellschaftstheorie eine Gegenbewegung gegen das Ressentiment entwickelt haben, findet sie Axel Honneth, der mit seinem Theorem der Anerkennung („Der Kampf um Anerkennung“) der Interdependenz zwischen Menschen eine begriffliche Form gab und mit seinen Kategorien unterschiedlicher Anerkennungsformen gesellschaftliche Vorgänge erfasst hat. Oder Norbert Elias, der mit seinem Begriff von gesellschaftlichen Figurationen das Zusammenspiel zwischen Individuum und Gesellschaft erfasste und den Prozess der Zivilisation, als den einer Verinnerlichung von Zwängen darstellte.
Fleury arbeitet heraus, dass diese Soziologen mit ihrem Werk einer beobachtenden und analysierenden Soziologie auf den Akt des Verstehens abgezielt haben und damit der Weber’schen Maxime der Werturteilsfreiheit bei wissenschaftlichen Forschungen nachgekommen sind. „… in diesem Sinne sind die Wissenschaft, diese Bewegung, dieses Verlangen und diese Arbeit Formen des Widerstands gegen das triebhafte Chaos der Welt …“ (Fleury 2023, S. 138)
Fleury rezipiert dann Wilhelm Reich, der in seiner Massenpsychologie des Faschismus bedeutsame Gedanken beitragen kann. Hitler kam durch die Mobilisierung von bisherigen Nichtwählern an die Macht. Reich zeige, dass deren behauptetes Unpolitischsein keineswegs Neutralität gewesen sei, und sie zitiert ihn so: „Je unpolitischer ein Mensch aus der großen Masse der Werktätigen ist, desto leichter wird er der Ideologie der politischen Reaktion zugänglich. Dieses Unpolitischsein ist nun nicht etwa, wie man glaubt, ein passiver psychischer Zustand, sondern ein höchst aktives Verhalten, eine Abwehr des sozialen Verantwortungsbewusstseins.“ (Reich 1977, S. 186)
Dem Faschismus und seiner Ideologie, so Reich, haben eher Symbole (Hakenkreuz u. a.) als Argumente und Gelehrsamkeit gedient. Die Verantwortungsethik verlange aber, dass man verstehe, warum die „Mystifizierung von Gefühlen“ besser funktioniere als die Inanspruchnahme des Verstandes. Der Mensch verzichte darauf, sich selbst zu begreifen und erreiche die Bewältigung der Angst durch die Identifikation mit einem „Führer“, das aber mache ihn „freiheitsunfähig“. Er überlasse der Technik, sich selbst zu verstehen und seine Emotionen zu verwalten und weiche den inneren Konflikten aus. Reich gehe auch davon aus, dass ein Mensch, der darauf verzichte, seine ursprünglichen Lebenskräfte zu mobilisieren oder wiederzufinden, „den Faschismus in sich“ habe (Reich 1977, S. 314).
Nach einer Darstellung der neueren französischen Geschichte mit dem Faschismus grenzt Fleury Faschismus nochmal von Populismus ab und betrachtet schließlich die Dynamiken der neuen Sozialen Medien, die jedem gestatten, seinen Unmut (und seinem Ressentiment) Ausdruck zu verschaffen, ohne den Preis dafür zu bezahlen. Die Verbreitung von Hassreden, die unregulierten Übergriffe, die ständige „Galle“, die sich verbreitet – und manchmal wie ein dionysisches Fest zelebriert wird – das alles zu verbieten, werde das Phänomen nicht beseitigen.
Der Ausweg, den Fleury findet, ist an Rilke angebunden: „Mit allen Augen sieht die Kreatur das Offene“, so wie er es in den Duineser Elegien, achte Elegie beschreibe. Hier liege die Möglichkeit, „zu erklären, wie man trotz allem in dieser Welt bestehen kann, ohne Ressentiment und sogar ohne Verbitterung, ohne den Rücken vor dem fehlenden Sinn zu beugen.“ (Fleury 2023, S. 182) Mit diesem Rückgriff auf Rilke wird einmal mehr deutlich, dass die Autorin nicht nur Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, sondern auch Schriftsteller und Schriftstellerinnen zur Verdeutlichung der von ihr untersuchten Phänomene zu Hilfe nimmt.
III Das Meer. Eine offene Welt für den Menschen (193ff)
„Was ist das Gegenmittel gegen das Ressentiment? Es gibt viele Wege, die alle möglich sind, solange das Subjekt sie ergreift und hier sein Engagement, seine innere Beteiligung, sein Inneres zum Leben erweckt. Als ich das Rilke’sche Offene entdeckte und die Möglichkeit, es mit einer persönlichen Schrift zu verweben, war dies ein »mögliches« Mittel, um der Bitterkeit oder, einfacher ausgedrückt, der Melancholie zu widerstehen …“ (Fleury 2023, S. 195)
Fleury ist der Überzeugung, dass die Schriftsteller die Kraft für andere in sich tragen, sie bieten der Kraftlosigkeit und der Melancholie des Ressentiments die Stirn. Sie rezipiert dann ausführlich Frantz Fanon (1925-1961), einen Psychiater, Schriftsteller („Die Verdammten dieser Erde“, 1961) und Politiker, einen wichtigen und frühen Vordenker der Entkolonialisierung aus Martinique, das bis 1946 französische Kolonie war.
Dieser beschreibe drei „Kliniken“ des Realen, als von sich überzeugte „Ordnungen“, die mit absoluter Gewalt und mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit agiert hätten: der Nationalsozialismus, der Kolonialismus und auch das französiche Mutterland. Das „Unverjährbare“ sei hier eine regulative Idee, die eine Offenheit für einen Kampf in sich trage, denn mit der Kontinuität der Geschichte könne ihre eigene Chronologie kritisch aufgearbeitet werden. „Ein Rechtsstaat zu sein bedeutet, ein anderes Verhältnis zur historischen Wahrheit zu haben, sich den schwarzen Löchern der Geschichte zu stellen und sich nicht mehr mit einer offiziellen Geschichte zufriedenzugeben.“ (Fleury 2023, S. 197)
Fanon verwendet den Begriff der „Deklosion“[2] (Öffnung), um die gemeinsame Arbeit eines Volkes und eines Individuums gegen alles zu beschreiben, was das Subjekt „verdinglicht“ hat oder in einer Kultur gefangen hält, denn die Pathologien der Subjekte seien zwangsläufig mit dem soziokulturellen, wirtschaftlichen, institutionellen und familiären Kontext der eigenen Geschichte verstrickt. Deklosion helfe den Menschen damit, sich „von sich selbst“ zu befreien, das angelernte „Domestikentum“, den Kniefall aufzugeben.
Es folgt eine ausführliche Darlegung der Positionen, die im Kontext der Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus entstanden sind. Fanon, der Protagonist dieser Bewegung, versuchte, seine Position „auf der universellen Ebene des Intellekts“ zu verstehen und die inneren Verwandtschaften zu suchen mit denen, die mit ihrem Ressentiment andere so demütigen müssen. Fleury erläutert, wie sie selbst z. B. in Auseinandersetzung mit dem Feminismus das Universelle zu verfolgen bemüht ist.
Und sie berichtet, wie Fanon sich in „Schwarze Haut, weiße Masken“ (Fanon 1980) mit dem kollektiven Unbewussten auseinandersetzt: „Im kollektiven Unbewussten des homo occidentalis symbolisiert der Neger oder, wenn man lieber will, die schwarze Farbe, das Böse, die Sünde, das Elend, den Tod, den Krieg, den Hunger. Alle Raubvögel sind schwarz. Auf Martinique, einem aufgrund seines kollektiven Unbewussten europäischen Land, sagt man, wenn ein ›blauer‹ Neger einen besucht: ›Was bringt er für ein Unglück?‹“ (Fanon 1980, S. 120) Nicht nur Farbige, auch andere Menschen, so Fleury, haben selbstentwertende Zuschreibungen verinnerlicht, und in den Psychoanalysen werde immer wieder sichtbar, wie eine Bewegung des Ausgangs aus dieser Entfremdung entstehe.
Fleury geht davon aus, dass wir durch unsere Entwicklung in „Knoten“ auf ganz unterschiedlichen Ebenen (Familie, Gesellschaft, Nation, Kultur) verstrickt sind, die mit einer Psychoanalyse behandelt werden können, so dass jemand auf die Suche geht und diese verschiedenen Knoten lösen lernt. Dabei geht sie eben nicht nur von familiären „Knoten“ aus, sondern bedenkt auch die kollektiven Zuschreibungen und Internalisierungen. Und sie ist der Auffassung, dass Menschen, die im Ressentiment verhaftet sind, eine Behandlung nötig haben … Aber – und sie greift die Medizin auf – es sei wichtig, dass Behandlungen nicht durch Macht- und Herrschaftsbeziehungen verzerrt werden. (Fleury 2023, 218ff)
Fanon sei ein Schlüsselautor, wenn man sich mit der Frage des Ressentiments befassen wolle – weil er auf die innere „Kolonisierung“ hingewiesen habe, der man so leicht nicht entkommen könne und aus der heraus sich auch eine unreflektierte Gegengewalt gegen die Unterdrückenden entwickeln könne. „Wer den Weg der Individuation wagt, ist notwendig gezwungen, dabei über die Ethik der Anerkennung zu gehen, selbst wenn er sie vollständig erfinden muss, eben durch die Sublimierung –, wenn er in seinem Leben nicht einmal eine Spur davon gesehen hat.“ (Fleury 2023, S. 225)
Gesund sein heiße, die Fähigkeit besitzen, nach Krankheit wieder aufzustehen. Das sei in einer Demokratie ähnlich – sie müsse die Kräfte besitzen, mit den inneren Störungen umzugehen. Und unverkennbar sei auch, dass eine psychische Gesundheit Auswirkungen auf die Funktionsweise einer Gesellschaft habe … Allerdings sieht sie auch die Grenzen des Vergleichs zwischen individuellem und gesellschaftlichem Körper und folgt dann wieder Honneth mit seinem Theorem der Anerkennung und zitiert ihn:
„Eine kritische Theorie der Gesellschaft benötigt […] ein möglichst phänomennahes, realistisches Konzept der menschlichen Person, das auch den unbewussten, nichtrationalen Bindungskräften des Subjekts einen angemessenen Platz einzuräumen vermag; ohne die Berücksichtigung von solchen reflexionsresistenten Motiven und Affekten geriete die Theorie nämlich in die Gefahr, einem moralischen Idealismus zu verfallen, in dem den Individuen ein Zuviel an rationalen Eigenleistungen zugemutet wird.“ (Honneth 2010, S. 304)
Honneth habe darauf hingewiesen, dass die kritische Theorie weiter auch in Richtung der psychologischen Motivlagen ausgearbeitet werden müsse. Und die Autorin verdeutlicht, dass die Institutionen der Gesellschaft genügend Sorgfalt walten lassen müssten, um die den Menschen innewohnenden Verletzlichkeiten nicht noch zu verstärken und keine Verdinglichung zu produzieren (S. 265).
Fleury geht davon aus, dass es vom Ressentiment zum Verschwörungswahn nur ein kleiner Schritt sei und sieht darin die „kollektive Version des persönlichen Verschwörungswahns. Post-Wahrheit, alternative Fakten (alternative facts), Desinformation (fake news), dieses Universum der permanenten Unaufrichtigkeit, … das aus der Wahrheit das Ergebnis eines falschen, perversen Verfahrens macht …“ (Fleury 2023, S. 276)
Das Ressentiment sei eben kein Denken, um Gerechtigkeit herzustellen, sondern nur eine Ideologie, welche die eigenen Interessen etablieren will (S. 278). Letztlich geht es nur darum, die Hierarchien auszutauschen und die Demokratie abzuschaffen. Damit werde aber ein Teufelskreis geschaffen … Das Verschwörungsdenken sei in der Psychiatrie als paranoide Logik bekannt. Ihre Funktion sei folgende: „Sie stellt den narzisstischen Trieb des Subjekts wieder her, gibt ihm das Gefühl von Intelligenz zurück, die bei ihm ignoriert und nicht anerkannt wird. Was die Gesellschaft ihm verweigert, bietet ihm die Paranoia auf dem Silbertablett dar. Deshalb ist es ziemlich logisch, dass er sich daran klammert, denn es gibt dort die einzige leicht zugängliche Reparatur.“ (Fleury 2023, 280f) Eine Psychose sei die Verleugnung der Krankheit, demgegenüber zielten Bildung und Behandlung aber darauf ab, Innovationen zum Zweck der Heilung hervorzubringen, Reformen, die der Aufrechterhaltung der Demokratie dienen könnten.
Ein zentrales Gegengift gegen das Ressentiment spielt in den Darstellungen von Fleury immer wieder die Literatur, die vielfach Lösungen, Hilfen, Wege angeboten habe. So rezipiert sie Dostojewski, in dessen Literatur der Weg aus der Verstrickung heraus nicht ins Ressentiment, sondern in Umkehr und Reue führe …
In der Literatur des 19. Jahrhundert würden die Antihelden geboren, die Gekränkten und Traurigen, die Männer ohne Eigenschaften, die den Überdruss durchwandern und mit der Bitterkeit zu tun haben, aber nicht ins Ressentiment, sondern eher in die Melancholie verfallen. Humor, Poesie und Philia, die Freundschaft, sind ihre Gegenmittel gegen den Irrweg des Ressentiments (303). Die Autorin geht davon aus, dass die Trennung von der Mutter eine wichtige Ressource schafft. Man müsse die sichere Welt verlassen …: „»Hier liegt begraben« soll heißen, man hat es hinter sich, es ruht, in Frieden, aber nicht ausschließlich; einem teilweisen Frieden. Ist es begraben, überwunden, verdrängt, sublimiert, ich weiß es nicht, aber es ist hinter einem, mit dem Anspruch, sich nicht zu wiederholen, nicht in der unfreiwilligen Wiederholung steckenzubleiben. Es geht nicht darum, sich dem Unbewussten zu widersetzen; sondern einfacher darum, mit ihm zu spielen, seine Windungen zu verstehen und sich nicht vom Lockruf des Dunklen verführen zu lassen, wenn es denn ein solcher ist.“ (Fleury 2023, S. 305)
Nietzsche habe in „Zarathustra“ eine wunderbare Formulierung gefunden für die notwendige Sublimierung, für das Verlassen der Höhle, für die Ernährung durch die ästhetischen Erfahrungen: „Alle Dinge wollen Deine Ärzte sein“ – wenn Zarathustra die Welt annimmt, wird sie ihm wie ein Garten sein. Das „Amor fati“, die Liebe zum eigenen Schicksal, die Lebensbejahung ist die Lösung. (S. 306)
Fazit: Cynthia Fleury greift ein zentrales Phänomen unserer Zeit auf und kreist es von verschiedenen Seiten her ein – ihre Theoreme und Denkmodelle entnimmt sie der Psychoanalyse, der soziologischen Theorie und der Philosophie. Sie fokussiert die Verdinglichung und Entfremdung des Menschen im Ressentiment – aber auch die Bedeutung von analytischer Auseinandersetzung und Symbolisierung dessen, was uns da innerlich belasten und zerfressen kann.
Sehr häufig greift sie die Gedanken von Schriftstellern und Lyrikern auf, die in ihren poetischen Verdichtungen Sprachbilder von eingängiger Klarheit und Schönheit gefunden haben. Gelegentlich konnte ich mich des Eindrucks einer Redundanz nicht erwehren – und doch schafft sie es auf beeindruckende Weise, das Phänomen verstehbar zu machen. Dabei wird man im Blick auf die im Titel versprochene „Heilung“ auch desillusioniert, denn Fleury verdeutlich sehr klar, dass sich ein tief verwurzeltes Ressentiment nicht so einfach auflöst. Aber sie beschreibt auch gut die Schritte, die dazu zu gehen sind. Eine bemerkenswerte – und lesenswerte – Arbeit.
Literaturverzeichnis
- Fanon, Frantz (1980): Schwarze Haut, weiße Masken. Wien, Berlin: Verlag Turia + Kant.
- Fleury, Cynthia (2023): Hier liegt Bitterkeit begraben. Über Ressentiments und ihre Heilung. Berlin: Suhrkamp.
- Freud, Sigmund (2000): Das Unbehagen in der Kultur. In: Alexander Mitscherlich und Sigmund Freud (Hg.): Studienausgabe. Limitierte Sonderausg. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch-Verl.
- Honneth, Axel (2010): Das Ich im Wir. Studien zur Anerkennungstheorie. Originalausgabe, 1. Auflage. Berlin: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1959). Online verfügbar unter http://www.socialnet.de/rezensionen/isbn.php?isbn=978-3-518-29559-5.
- Reich, Wilhelm (1977): Die Massenpsychologie des Faschismus. Ungekürzte Ausg. Frankfurt (am Main): Fischer-Taschenbuch-Verlag (Fischer-Taschenbücher Bücher des Wissens, 6250).
[1] „Möbiusband, Möbiusschleife oder Möbius’sches Band bezeichnet eine Fläche, die nur eine Kante und eine Seite hat. Sie ist nicht orientierbar, das heißt, man kann nicht zwischen unten und oben oder zwischen innen und außen unterscheiden.“ Wikipedia, Abruf 9.6.2025.
[2] Es handelt sich bei „Deklosion“ (Öffnung) um einen zentralen Begriff seines ethnopsychiatrischen Reformprozesses.
Dr. Bernadette Grawe
*1951, aufgewachsen in Gütersloh, lebt in Warburg. Berufliche Stationen: nach einem Ausflug in die Pharmazie, Studium der Katholischen Theologie, Pädagogik und Sozialwissenschaften, langjährige Tätigkeiten in verschiedenen Feldern der Jugendverbandsarbeit, freiberufliche Praxis als Supervisorin DGSV (seit 1992), Trainerin für Gruppendynamik (seit 2001), Promotion zum Dr. phil. (2002), Professorin für das Lehrgebiet „Sozialmanagement“ an der Katholischen Hochschule NRW, Abt. Paderborn (2005–2017), seither Praxis für Supervision und Beratung. www.grawe-netz.de Bernadette.grawe@t-online.de

