Re-Education, angewandte Sozialpsychologie und Gruppendynamik in der frühen Bundesrepublik
Psychosozial-Verlag, Gießen, Psyche und Gesellschaft; 364 Seiten, Broschur, 148 x 210 mm, ISBN-13: 978-3-8379-3447-2
Als erfahrener Gruppendynamiker DGGO und Supervisor DGSv hat sich Oliver König schon durch viele fundierte und anregende Bücher in der interessierten Fachöffentlichkeit einen Namen gemacht – so hat er z. B. gemeinsam mit Karl Schattenhofer eine fundierte Einführung in die Gruppendynamik verfasst, die inzwischen in vielfacher Auflage veröffentlicht ist. Bemerkenswert ist nicht zuletzt auch sein Buch über Macht in Gruppen, um nur einige wenige seiner Veröffentlichungen herauszugreifen. Sein Blick ist immer ein sozialtheoretischer und ein politischer – sein großes Interesse liegt in der angewandten Sozialwissenschaft, und mit dem vorliegenden Buch hat er genau hier einen wichtigen Beitrag zur historischen Aufarbeitung der Demokratisierungsprozesse im Nachkriegsdeutschland geleistet. Sein Fokus ist die Gruppe, denn mit ihr, mit ihren dynamischen Prozessen, waren damals die Bildungsanstrengungen verbunden, mit denen man dem noch tiefsitzenden Autoritarismus des Nationalsozialismus, dem „autoritären Charakter“ (Adorno) beizukommen bemüht war.
1 Schon bevor die Amerikaner aktiv in das Kriegsgeschehen eintraten, gab es offenbar in den USA ein auffälliges allgemeines und wissenschaftliches Nachdenken darüber, wie denn nach der erwartbaren Kapitulation ein sozialer Wandel in Deutschland zu erreichen sei. König rezipiert die damaligen Diskurse der amerikanischen Sozialpsychologie zu „Re-Education“ und „Demokratisierung“ und fragt sich: Welchen Einfluss hatten hier die Forschungen zur Gruppendynamik und zu Führungsstilen von Kurt Lewin und seinen Schülern? Die berühmte Studie zum demokratischen, autokratischen und Laissez-faire-Führungsstil (Lewin & Lippitt, 1938) entbehrte rückblickend in ihrem empirischen Aufbau nicht der Verzerrungen. Aber Positionen, in denen die demokratische Idee sich als erfolgreicher Gruppenprozess beschreiben ließ, waren für das Re-Education-Projekt in den Tagen willkommen (König 2025, S.72). Insofern war es nicht verwunderlich, dass auch Lewin unter den Autoren einer Veröffentlichung von 1945 zu finden war, in der die Voraussetzungen von andauerndem Frieden diskutiert wurden, hatte er sich doch schon früh mit sozialem Wandel und den Unterschieden zwischen Gesellschaften auseinandergesetzt. Es seien nicht einfach soziale Techniken der Gruppenarbeit wichtig, sondern es zähle die eigentliche Gruppendynamik, Gruppenleben und Gruppenatmosphäre, so Lewin. Die Gruppe wurde – nicht zuletzt auch durch den Reformpädagogen John Dewey, der die Demokratie als Lebensform beschrieb – zu einer vermittelnden Instanz, mit der sowohl soziale Reformen als auch soziale Kontrolle möglich sein sollten. Das Re-Education-Programm („Rekonstruktion aller Muster deutschen Lebens“) hatte in den verschiedenen Besatzungszonen unterschiedliche Schwerpunkte. In der amerikanischen Zone kam es zu Austauschprogrammen, die neben Informationen zur Lebenssituation in Amerika auch Gruppenprozesserfahrungen einschloss. Die Begleitforschung zeigte unterschiedliche Wirksamkeit der Programme u. a., weil das Misstrauen in Gruppen bei den deutschen Teilnehmern tief verankert war, wollten sie doch aus dem im NS erlebten Gruppenzwang heraus in die deutlichere Betonung des Einzelnen. Tatsächlich wurden in der Nachkriegszeit stärker die Schattenseiten der Gruppe sozialpsychologisch untersucht. Man blickte nun mehr auf die Konformität, die mit ihr verbunden sein kann – bevor sich dann in den späten 1960er Jahren Reformbewegungen neu mit Gruppenprozessen befassten.
2 Nach dieser Rekonstruktion beschreibt König die Anfänge angewandter Sozialpsychologie und Gruppendynamik in der jungen Bundesrepublik, indem er nicht nur die Vorgänge in einzelnen Feldern aufgreift (Hochschule, Schule, Bildungsarbeit), sondern die Lebenswege von dafür bedeutsamen Personen vorstellt. Das erweist sich als ein Glücksgriff, weil es König so gelingt, die Widersprüche, die Ungleichzeitigkeiten, die Paradoxien dieser Transformationen ganz konkret zu veranschaulichen. So könne man an Magda Kelber („Was verstehen wir unter Gruppenpädagogik“, 1959) sehen, wie ihre Bildungsanstrengungen im Haus Schwalbach zur Etablierung der Gruppenpädagogik mit der Erwartung verbunden waren, demokratische Prozesse im Gemeinwesen beeinflussen zu können. Während Magda Kelber als Emigrantin zurückkehrte, war Peter Hofstätter („Gruppendynamik“, 1957) ein Mitglied der NSDAP aus der Wehrmachtspsychologie, der in der Nachkriegszeit mit dem Aufenthalt in den USA erfolgreich einen Wechsel vollzog hin zur empirisch-wissenschaftlichen Sozialpsychologie. Die Verdrängung der eigenen Nazi-Vergangenheit war jedoch in Hofstätters wissenschaftlichen Positionen und öffentlichen Auftritten unübersehbar. Tobias Brocher („Gruppendynamik und Erwachsenenbildung“, 1967) verband in seinen Initiativen die Reformimpulse der Gruppendynamik (Lewin) mit psychoanalytischen Konzeptionen (Bion), wobei die Bewältigung von Affekten eine wichtige Rolle spielte und die Überwindung der Hierarchie zwischen Lehrenden und Lernenden. Seine Impulse belebten die damaligen Debatten auch durch Gründung der Zeitschrift Gruppendynamik. Walter Giere, Leiter der Lehrerfortbildung der hessischen Landeszentrale, legte die Finger auf die Paradoxien gruppendynamischer Veränderungsmodelle und ihrer Ansprüche auf Demokratisierung und Humanisierung der Arbeitswelt. Trotz seiner umfangreichen Förderung von gruppendynamischen Trainings blieben diese in der Lehrerfortbildung aber offenbar randständig. Adolf Martin (Alf) Däumling, Psychoanalytiker, Mitbegründer des DAGG: Seine Rezeption der amerikanischen Sozialpsychologie und Gruppendynamik wurde immer wieder von der älteren psychologisch-geisteswissenschaftlichen deutschen Tradition überformt, in der er sozialisiert war. Mit Horst Eberhard Richter („Die Gruppe – Hoffnung auf einen neuen Weg, sich selbst und andere zu befreien“, 1972) trat schließlich ein Psychoanalytiker auf den Plan, der vielleicht am nüchternsten die Täuschungen der amerikanischen Re-Education-Bewegung thematisierte und auf die rasche äußere Anpassung in Deutschland hinwies, die eine Verarbeitung der NS-Zeit vermied.
3 Auch in der Gruppenpsychotherapie der DDR spielten sozialpsychologische Gruppenkonzepte eine Rolle, dies zeigen die wenigen bisher vorliegenden Aufarbeitungen und Rückblicke. Eine „Einführung in die Marxistische Sozialpsychologie“ von 1965 griff offenbar auch Lewins Forschungen zum demokratischen Führungsstil auf. Erste Rekonstruktionen, die nach der Wende entstanden und die Praxis der staatlich eingebundenen Trainings- und Supervisionsarbeit in der DDR darlegten (so Busse & Alberg 1998), reflektierten deren Ambivalenz zwischen Anpassung und verdeckter Subversion.
4 Der Schlussteil des Buches weitet die Fragestellung noch einmal ins Grundsätzliche. Sozialer Wandel fußt auf Gegenbewegungen und ist von Generationswechseln unterfüttert. Je radikaler aber die Bewegung wird, umso stärker ähnelt sie bald wieder dem, wogegen sie ankämpft. „Die Abgrenzung nach außen produziert einen Konformitätsdruck nach innen“ (König 2025, S.309). Um den feldtheoretischen Ansatz von Lewin nicht – wie nach Darlegung von König durch den historischen Druck geschehen – in ein lineares Fortschrittsmodell zu verwandeln, müssten Paradoxien und Widersprüche deutlicher beachtet und balanciert werden. Bemerkenswerte Überlegungen zu den Rahmenbedingungen demokratischer Entwicklungen in einer Gesellschaft und ein nachdenklicher Blick auf die aktuellen Denkfiguren angewandter Sozialpsychologie und ihr Potenzial, sozialen Wandel reflexiv zu begleiten, beschließen das Buch.
Für die Rezensentin entstand beim Lesen eine anregende und beeindruckende Zeitreise in die jüngere Vergangenheit. Umfangreiche Fakten sind akribisch recherchiert. Biographische Einzelheiten verdeutlichen wie im Brennglas die inhaltliche Positionierung der vorgestellten Zeitzeugen. Leitfragen und Nachdenken über die erkenntnisleitenden Interessen durchziehen das Buch wie rote Fäden. Hinter den dargestellten Kontroversen und Konflikten blitzt lebendig konkrete Zeitgeschichte auf. Die Fülle von öffnenden Reflexionen beweist sowohl die große sozialwissenschaftliche Sachkenntnis des Autors wie seine profunde Kenntnis der Trainings-Praxis. Der Text ist lebendig und engagiert geschrieben.
Beim Lesen durchläuft man – und das sei zum Schluss bemerkt – nicht nur eine „akademische“ Zeitreise. Angesichts eines neu erstarkenden Autoritarismus gewinnt das Buch eine beunruhigende, aber mit seinen anregenden und nachdenklichen Reflexionen am Ende auch eine ermutigende Aktualität.
Dr. Bernadette Grawe
*1951, aufgewachsen in Gütersloh, lebt in Warburg. Berufliche Stationen: nach einem Ausflug in die Pharmazie, Studium der Katholischen Theologie, Pädagogik und Sozialwissenschaften, langjährige Tätigkeiten in verschiedenen Feldern der Jugendverbandsarbeit, freiberufliche Praxis als Supervisorin DGSV (seit 1992), Trainerin für Gruppendynamik (seit 2001), Promotion zum Dr. phil. (2002), Professorin für das Lehrgebiet „Sozialmanagement“ an der Katholischen Hochschule NRW, Abt. Paderborn (2005–2017), seither Praxis für Supervision und Beratung. www.grawe-netz.de Bernadette.grawe@t-online.de

