„Das Unbewusste als Territorium kultureller und politischer Konflikte und wie die Psychoanalyse heute helfen kann, sie zu lösen“

Die Rede vom Unbewussten begann mit dem Niedergang der Religion um 1800. 100 Jahre später entstand die Psychoanalyse, die von Anfang an nicht nur Therapieform, sondern auch Instrument des Erkenntnisgewinns und der Kulturkritik war. Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun und der Psychoanalytiker Tilo Held beleuchten die Bedeutung des Unbewussten für gesellschaftliche Phänomene und Entwicklungen. Von Antisemitismus und Totalitarismus über sich wandelnde Geschlechterrollen bis hin zu Fake News und Verschwörungserzählungen. Eine scharfsinnige Darstellung des „Kampfs ums Unbewusste“ der letzten zweihundert Jahre bis heute und Vorschläge, wie eine von anderen Disziplinen bereicherte Psychoanalyse zur Überwindung gegenwärtiger Krisen beitragen könnte.

Dieser Ankündigungstext hat mich spontan zur Bestellung des Buches gebracht und meine durchgängig hohe Motivation beim Lesen hat das spontane Interesse bestätigt.

Das Unbewusste aus der Enge der auf das Individuum bezogenen medizinischen Verwertungslogik und der psychoanalytischen Deutungs- und Machtkonflikte zu befreien und sowohl historisch als auch aktuell in den jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Kontext einzuordnen, macht den Kopf frei und weckt Neugier auf mehr Verstehen. Das Unbewusste wird als Speicher alles Erlebten und aller Erfahrungen der Menschheit erzählt, mit all den Schrecklichkeiten, dem Zerstörerischen und ebenso dem Schönen, dem Leben, der Liebe und Freude. Die Menschheit bewegt sich in der Dynamik der Wiederholungszwänge des Unverarbeiteten und der Möglichkeit für Leben, Glück und Frieden.

Das Unbewusste gilt nicht nur im Beziehungsgeschehen kleiner Systeme (Familie, Team) als Antreiber, sondern in allen Systemen. Die Irrationalität von Entscheidungen und die Dominanz der Gefühle vor dem Denken werden inzwischen von der Neurowissenschaft bestätigt.

Schon früher haben die Herrschenden die Kraft des Unbewussten (ohne es so zu benennen) erkannt und zur Durchsetzung ihrer Interessen benutzt. Die Autoren unterscheiden das „sekundäre Unbewusste“, das auf dem Glauben (den Göttern, dem Führer, dem Markt, der Alternativlosigkeit …) fußt. Das „primäre Unbewusste“ fußt auf Vertrauen, lässt Freiheit und Entwicklung zu und ist das Verbindende der Menschheit und des Lebens. Dieses Unbewusste ist unverfügbar! Spannende Verbindung zu Unverfügbarkeit, Hartmut Rosa!

Das Bewusstmachen von Teilen der Dynamik aus der unbewussten Welt mit all den Widersprüchen, erfordert hohe Ambiguitätstoleranz. Autoritäre (die Mächtigen und die, die sie wählen) können Ambivalenz nicht aushalten. Widerspruch, Vielfalt, Mehrdeutigkeit müssen deshalb begrenzt, bzw. ausgemerzt werden. Ambiguitätstoleranz ermöglicht Vielfalt, Toleranz, Freiheit, Solidarität. Ambiguitätsintoleranz bekämpft das. Im Kleinen wie im Großen.

Gesellschaftliche Konflikte drehen sich immer schon und überall um Migration (gegen Vielfalt), um Geschlechterrollen (gegen Vielfalt), gegen jüdisches Leben (vielfältige Kultur, die keinen eigenen Ort hat). Früher war Kultur männlich, Natur weiblich. Heute vermischt sich das und erzeugt Vielfalt.

Früher war Wissenschaft die Entdeckung von eindeutigen Fakten, heute werden Fakten und Wissenschaft hergestellt, dem Widerspruch und Prozess und damit der andauernden Veränderung unterworfen. Die Spannungsfelder Individuum (Eigeninteressen) und Gesellschaft (Gemeinwohl) oder Bindung und Autonomie prägen die Konflikte unserer Zeit.

Ist es die Angst, die Überforderung, wenn Menschen diese Ambivalenz nicht mehr aushalten?
Die Wut nicht gesehen zu werden, keine Resonanz der Welt (Weltbeziehung, Hartmut Rosa) zu bekommen?
Ist Ambivalenz, Toleranz, Verantwortung, (Selbst-) Reflexion lernbar?

Es ist wohl Aufgabe jeder Generation und jedes Einzelnen, der lebensbejahenden Kraft des Unbewussten zu vertrauen und sich gegen den Missbrauch des Unbewussten durch Herrschende zu stellen.

Mich hat das Buch sehr inspiriert und etliche neue Fenster zum Verstehen geöffnet. Konkrete Lösungen habe ich nicht erwartet, das Verstehen stärkt die Haltung, und die prägt auch konkretes Verhalten. Interdisziplinarität (Vielfalt) öffnet neue Wege.

Monika Möller

Christina von Braun, Tilo Held: Kampf ums Unbewusste – Eine Gesellschaft auf der Couch (Aufbau Verlag, 2025)