Praxisbericht FiS-Supervisionstage 2026
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich möchte mit der Einstiegsszene einer Leitungssupervision beginnen, indem ich Ihnen ein Stück aus dem Transkript vorlese, das eine Art KI von meiner Sitzung angefertigt hat.
Die Sitzung findet virtuell via MS Teams statt. Ich wähle mich ein und sehe zu meinem Erstaunen, dass neben den beiden Führungskräften noch eine weitere „Person“ im Meeting anwesend ist.
Ich: „Ist heute noch jemand dabei? Das Video ist noch aus.“
Paul* (der Geschäftsführer): „Eigentlich nicht … komisch … (klickt rum, dann zu Jan, dem Inhaber): Ach das ist diese automatische KI von dir, Jan, oder?“
Jan* (der Inhaber): „Ach ja stimmt, vergessen, das hatte ich doch abonniert zum Test … ah OK, dann hackt die sich wahrscheinlich automatisch in die Kalendereinträge ein, lustig … (zu Paul): Kannst du ausmachen … (Pause) obwohl du kannst auch mitlaufen lassen – scheißegal.“
Ich: „Also wir werden aufgezeichnet von diesem Ding?“
Jan: „Kennst du dieses Meeting-Tool? Das ist eigentlich ganz geil. Das fasst am Schluss das Meeting zusammen – was waren die wichtigsten Passagen – was ist an Konklusion rausgekommen und so. Dann kannst du alles noch mal nachgucken.“
Ich (nachdenklich): „Okay, ja gut, interessant … hab ich noch nicht gemacht bis jetzt, weil gewöhnlich meine Sitzungen nicht aufgezeichnet werden, wie ihr euch vorstellen könnt … ist eure Entscheidung. Sind ja eure Themen dann. Falls Ihr es anlassen wollt, möchte ich danach den Output geschickt bekommen.“
Jan: „Ja, mach’ ich sehr gerne, schicke ich dir weiter.“
Ich (weiter nachdenklich): „Ist das von Teams ein Tool oder ein extra Tool?“
Jan: „Read AI heißt das, (buchstabiert) r-e-a-d-.-a-i. Hat mit Teams nichts zu tun, ist nicht in dem Teams-Baukasten, sondern ich glaub’, das ist so ein Plugin, Paul, oder?“
Paul: „Ja, ist wohl ein separates Tool.“
Jetzt beginnt die Sitzung.
Die Sitzung dauerte 90 Minuten, und die KI blieb 58 Min. dabei. Dann verschwand sie, weil das Probeabo meines Supervisanden wohl eine Zeitbegrenzung hatte. Sie war nicht sichtbar eingeblendet, aber sie war „anwesend“.
Innenschau zu Beginn:
„Typisch Jan, denke ich. Auch die Sprache. Ich habe ihn 2015* als Teilnehmer eines Führungskräftetrainings kennengelernt. Dann hat er 2017* als Supervisand bei mir angefragt. Die Einzelsupervision habe ich nach einigen Jahren mit ihm in eine Leitungssupervision überführt, gemeinsam mit Paul, dem Geschäftsführer. Hat mich diese lange Arbeitsbeziehung verführbar gemacht?
Bei dem muss ich schon immer aufpassen und wieder ist es passiert. Warum habe ich das jetzt gerade erlaubt? Es ist doch mein Setting! Mist.
Aber: Irgendwie interessiert es mich ja schon, was die KI wohl zu der Sitzung sagt … und auch zu mir als Supervisor. Narzisstisch interessant … und riskant! Ich bin auch neugierig, ich kenne das Tool nicht und es interessiert mich, was die KI danach ausgibt. Kostenlose Fortbildung in Sachen KI-Einsatz? Professionelle Neugier? Etwas Voyeuristisches? Zum Glück habe ich darauf bestanden, den Output zu bekommen.“
Was war Thema der Sitzung, die außer der Reihe angefragt wurde?
Es ging um Otto Schulz, den Projektleiter Vertrieb eines inhabergeführten Logistikunternehmens*. Der Inhaber Jan und sein Geschäftsführer Paul beschrieben Otto als einen langjährigen Freund und Kollegen, der seit Jahren gesundheitlich angeschlagen war. Er litt unter Schlaflosigkeit, multiplen körperlichen Beschwerden und einer zunehmend belasteten psychischen Verfassung. Gleichzeitig ist seine berufliche Wirkung immer schwächer geworden. Sie reflektierten die Frage, wie sie mit ihm sprechen sollten, weil es so nicht weitergehen könne. Sie überlegten, ob eine Aufnahme in eine psychosomatische Klinik sinnvoll wäre. Kurz: In der Sitzung wurden delikate Themen verhandelt, streng vertraulich und mit potenziell großen Auswirkungen auf die berufliche Situation des Otto Schulz.
Innenschau direkt nach Ende der Sitzung:
„Oh je – es ging ja heute auch irgendwie um die Frage, ob ein Mensch seinen Job verliert oder nicht. Bin ich nicht für die Vertraulichkeit verantwortlich? Ja klar. Was mache ich, wenn die beiden das Material der KI vielleicht später vor dem Arbeitsgericht vorlesen? Kann ich dann zitiert werden? Hätte Otto nicht zustimmen müssen, wenn eine KI mitschneidet, wenn über ihn geredet wird? Verstoße ich damit als Leiter des Settings gegen meine Schweigepflicht? – Durch Zulassen? Und wie genau sieht der Output wohl aus, was wird die KI jetzt mit den Daten anstellen? Wie detailliert wird das sein? Ach du Schreck – das hätte ich nicht mitmachen dürfen. Aber: Vielleicht kommen von der KI ja auch interessante Ideen. Vielleicht ist es eine Assistenz, die kollegial mit mir auf die Sitzung schaut, ‚elektronische Gefühle‘ hat und gute supervisorische Interventionen vorschlägt.“
Ich möchte Ihnen nun vorstellen, was die KI einige Minuten nach der Sitzung produziert hat. Dafür habe ich Screenshots dabei, die einen Überblick über das Material geben, das mir nach der Sitzung zugeschickt wurde.
{Der folgende Absatz wurde im Vortrag per PPT-Folien visualisiert}
Zunächst frage ich mich unmittelbar nach der Sitzung, was „read.ai“ eigentlich genau ist (da hatte ich die Auswertung noch nicht per Mail). Ich gehe auf die Internetseite des Anbieters. Read AI beschreibt sich selbst als Meeting-Assistent, der Besprechungen automatisch aufzeichnen und auswerten kann. Die Auswertung umfasst:
- eine schriftliche Meeting-Zusammenfassung,
- ein wörtliches Transkript im Volltext,
- eine Videoaufnahme der kompletten Sitzung
- eine automatische Gestik- und Mimikanalyse bezüglich Stimmung und Beteiligung (Wer hat wie viele Minuten geredet?)
- den sogenannten „Read-Score“, das ist ein künstlich berechneter „Key Performance Indicator“, kurz KPI, der suggeriert, die Qualität der Sitzung objektiv messen zu können
- eine Zusammenstellung der „Höhepunkte“ der Sitzung (inkl. Ton- und Videoschnipseln zum nochmal anhören oder anschauen, oder wahlweise der jeweiligen Textpassagen)
- eine Benennung von Aktionspunkten und Handlungsempfehlungen für alle Beteiligten, inkl. Supervisor
- eine Zusammenstellung von Schlüsselfragen die sich aus der Sitzung ergeben und schließlich eine eingebaute KI in der KI (hier: Microsoft Copilot), die man alles fragen kann, was man zu der Sitzung gerne ausgewertet haben möchte, und die wie ChatGPT quasi-objektive Antworten auf die spontan gestellten Fragen zur Sitzung gibt, mit entsprechenden Textstellen belegt.
Drei Fragen habe ich exemplarisch eingegeben und die Antworten im Vortrag eingeblendet:
- Welches weitere Setting wäre sinnvoll?
- Welche Grundmuster zeigen sich sowohl in der Sitzung als auch in der Dynamik unter den Supervisanden wie auch in der Organisation – Spiegelungen?
- Welche Gefühle hat die KI gegenüber den Supervisanden?
{Ende der PPT-Folien}
Zum Schluss noch ein paar Überlegungen, die beim Vorbereiten dieses Praxisberichts entstanden sind.
Die KI hatte in meinem Setting etwas Hineindrängendes, Überrumpelndes, es entstand ein Zeitdruck und meine Neugier hat mich verführt.
Besonders die Möglichkeit, der KI im Nachhinein Fragen zu stellen, hat sie für mich zur zweiten technischen Deutungsinstanz gemacht. Es hat Freude gemacht, Fragen von Kolleginnen zu sammeln und selbst Fragen zu stellen. Es war wie ein Spiel, wie ein Austesten nach dem Motto: „Mal sehen, was sie jetzt antwortet.“ Gleichzeitig habe ich die Antworten ambivalent erlebt: Auf den ersten Blick erstaunlich zutreffend, bei näherer Beschäftigung aber seelenlos allgemein und unbezogen und repetierend. Wenig wirklich neue Erkenntnisse, sondern eher bestätigend, immer der Frage folgend, nie die Antwort zurückspielend.
Die KI bringt etwas Metrisches in den Prozess und suggeriert damit Objektivität und Messbarkeit. Supervision ist aber subjektiv, beziehungsorientiert und ein gegenseitiges Annähern ans Verstehen. Das komplizierte zwischenmenschliche Geschehen in der Organisation der Supervisanden wird scheinbar einfach und auf To-dos heruntergebrochen. Besonders anschaulich wird das an den Auswertungen. Die KI gliedert das Meeting in Kapitel, sagt, wer im Anschluss was tun soll und definiert die Schlüsselfragen zum Weiterarbeiten. Das ist bemerkenswert, weil die Maschine damit nicht nur dokumentiert, sondern Handlungsdruck erzeugt. Für Organisationen ist das attraktiv, weil es Orientierung verspricht und die Steuerbarkeit erhöht, ähnlich wie ein QM-System. Gleichzeitig entstehen aber Kontrollmöglichkeiten als unerwünschte Nebenwirkungen.
Gruppendynamisch war die Zuschaltung der KI eine Erweiterung der Gruppe um einen dritten, stummen Akteur. Die KI sprach nicht, aber sie veränderte die Situation trotzdem. Denn mit ihr kommt immer auch die Frage auf, für wen wir eigentlich sprechen. Sprechen wir nur miteinander? Oder sprechen wir bereits für ein späteres Protokoll, für eine Auswertung, für einen möglichen Außenblick, für die Kennzahlen, die die KI generiert?
Der in der Sitzung präsentierte Fall war voller Spannungen. Die KI macht diese Spannung sichtbar, aber entlastet nicht. Sie kann den Konflikt benennen, aber nicht aushalten.
Und: Die KI kommt mit Ungewissheit nicht klar. Sie weiß vermeintlich immer eine Antwort, auch wo das Verstehen eigentlich noch Zeit braucht.
*Namen, Jahreszahlen, Branche geändert
Dr. Lutz Lyding
Wiesbaden, Ausbildung zum Hotelfachmann, Studium der Organisationspsychologie, Promotion über Komplexitätsmanagement. 2000–2013 interner Referent bei der Deutschen Lufthansa AG. Seit 2004 parallel als freiberuflicher Trainer und Berater für das Auswärtige Amt, das Deutsche Rote Kreuz, Aldi Süd u.a. tätig. Lehrtätigkeit an der Cologne Business School (CBS) im Fach Business Psychology. Seit 2015 eigene Praxis für Supervision & Coaching im Wiesbadener Westend. Leitet mit LydingTraining seit mehreren Jahren eine Trainerkooperation und ist Trainer für Gruppendynamik unter Supervision (DGGO). — lyding@lyding-supervision.de — www.lyding-supervision.de
