1. KI im supervisorischen Kontext – Unser KI-Projekt
Monika Gebhart
Im Vorbereitungsteam für die FiS-SV-Tage bestand das Interesse herauszufinden, ob es eine Gruppe gibt, die vor oder in der Supervision KI einsetzt, um Szenen oder Fälle einordnen zu lassen.
Leitend war die Frage, ob und wie die psychoanalytische Community mit KI umgeht. Die Beschäftigung mit dem Thema war durchaus verbunden mit gemischten Gefühlen, Neugier, Ablehnung und auch mit Begeisterung …
Die Vorbereitungsgruppe war schnell bei Fragen des Datenschutzes, und die Idee entstand, das Thema in einer bestehenden Gruppe zu erarbeiten.
Die Gruppe, die sich dann mit dem Thema beschäftigte, das sind wir: Monika Maaßen, Gabriele Streitbürger, Michael Faßnacht, Christiane Hoeren (die heute nicht anwesend ist) und ich, Monika Gebhart. Seit über 13 Jahren treffen wir uns in 4–5 Sitzungen pro Jahr, zu je 3 Stunden und werden dabei begleitet von Herrn Dr. Georg Baumann. Wir bearbeiten psychoanalytische Literatur, verstehen sie – mal mehr und mal weniger – und besprechen jeweils einen Fall.
Der Zugang zu den zu bearbeitenden Themen erfolgt häufig über persönliche Erfahrungen und Ereignisse. Die Erkenntnisse fließen wiederum in unsere Arbeit ein. Ich komme nun zu unserer ersten Annäherung an das Thema „KI in der Supervision“ in unserer psychoanalytisch orientierten Beratungsgruppe:
Wir starteten mit der Vorbereitung. Wir hatten alle nur begrenzte Ahnung, aber Unerfahrenheit sollte kein Problem sein. Dennis Schneider, Informatiker und Coach, erklärte sich bereit, in praktischen Fragen zu unterstützen. Schon das Prompting war eine Herausforderung – Fazit: die Prompts sind wichtig! Die inhaltliche Ausgestaltung der Eingaben hat einen maßgeblichen Einfluss auf die Qualität der Antworten: Je passgenauer, desto besser das Antwortverhalten. Also: welchen Auftrag vergebe ich wie? Ist das Pre-Prompten schon eine Gegenübertragungsphantasie?
Intensiv befassten wir uns mit der Frage, in welchem Umfang wir die KI zunächst mit Fachtexten versorgen müssten, damit sie mit uns arbeiten kann. Verfügt die KI über ausreichend psychoanalytisches Wissen? Eingesprochen und angeboten wurde, nach welchem Modell „Klein, Winnicott“ die Auswertung erfolgen sollte. Erstaunen, alles war da! Es war sehr beeindruckend.
Unser Erstaunen war so groß wie unsere Verblüffung darüber, wie detailliert die Antworten waren und was die KI alles vorzuweisen hatte. Dieses verursachte eine hohe Emotionalität in der Gruppe. Unsere Größenfantasien wurden angekratzt: Wir füttern die KI, um dann sehr verblüfft festzustellen, wie viel vorhanden ist. Gleichzeitig: wie naiv war die Annahme, dass wir die KI noch versorgen müssen, damit sie für uns und mit uns arbeiten kann!
Es folgt die Beschreibung unserer ersten Sitzung.
2. Zwei spontane Versuche mit KI zu arbeiten
Michael Faßnacht
Erster Versuch
Unser 1. Versuch entstand spontan und ohne genauere Vorbereitung. Mit der KI von PERPLEXITY haben wir eine Falldarstellung mit dem Handy aufgenommen, der KI anschließend einige Fragen gestellt und bekamen, für uns überraschend, komplexe und plausibel klingende Antworten, die unsere weitere Diskussion des Falles bereichert haben.
Erstes Fazit: Wir waren sehr beeindruckt von den differenzierten Antworten und Thesen der KI.
Hier unser Fallbeispiel:
Die Leitungskraft einer Abteilung eines Sozialverbandes bekommt von der vorgesetzten Position die Anregung, Supervision wahrzunehmen, da es ihr schwerfällt, über eigene Gefühle zu sprechen. Außerdem wird von der vorgesetzten Position empfohlen, sich mit den Belastungen des Jobs auseinanderzusetzen, um einem Burnout vorzubeugen.
Biografisch berichtet der Supervisand von einem cholerischen Vater, der schwer Emotionen ausdrücken kann und einer warmherzigen Mutter. In der Supervision spricht der Supervisand lange und ausdauernd, Fragen zu stellen, ist stark erschwert.
Fragen an die KI:
Wir sind interessiert an der Entwicklung psychoanalytischer Hypothesen zu einem Supervisanden, dem es schwerfällt, über eigene Gefühle und Belastungen zu sprechen. Unsere Forschungsfrage an die KI besteht darin, seine Abwehr- und Übertragungsmuster zu verstehen (selbstverständlich gäbe es eine Fülle anderer Forschungsfragen, aber unter der Perspektive unseres spontanen Experimentes haben wir uns für diesen Fokus entschieden).
Antworten der KI:
Hypothesen zu Abwehr und Widerstand
- Intellektualisierung als Abwehr, z. B. durch ausschweifendes, sachorientiertes Reden
- Identifizierung mit dem Vater (es geht um die Abwehr von Schwäche)
- Übertragung, z. B. Furcht vor der Supervisorin als potentiell „kritische Instanz“
- Mutterübertragung und Beziehungswunsch an die Supervisorin
- durchgehaltene Leistung (in diesem Fall Aushalten der Belastung) als Selbstwertregulation
Es folgen vier Vorschläge zum weiteren supervisorischen Vorgehen:
- eine behutsame Affektspiegelung
- die Beziehungsdynamik des SV-Prozesses explorieren
- das Übertragungsangebot halten, nicht deuten
- affektive Sicherheit aufbauen
Außerdem bietet die KI drei psychoanalytische Konzepte an, die die Hypothesen vertiefen können: aus klassischer freudianischer Psychoanalyse, Objektbeziehungstheorie (Melanie Klein) und Selbstpsychologie (Kohut).
Zweiter Versuch
Bei einer weiteren Sitzung versuchten wir eine Resonanz/Rückmeldung der KI zur Falldarstellung zu bekommen. Die KI hält die Vorgabe, das Ende der Falldarstellung abzuwarten, jedoch nicht ein, sondern mischt sich bei jeder kurzen Sprechpause der falldarstellenden Person ein. Dies stört den Prozess der Falldarstellung massiv, da der „rote Faden“ verloren geht und die falldarstellende Person aus dem Konzept gerät. Es entstehen Gefühle von Ärger und Genervtheit. Es gelingt uns nicht, der KI zu vermitteln, dass Sprechpausen nicht das Ende der Falldarstellung sind.
Es wird deutlich, dass es für eine stärkere dialogische Verwendung der KI als in Versuch 1 genauere Vorgaben (im Sinne des Prompten) braucht und die von uns verwendete kostenfreie Basisversion der KI dafür nicht ausreicht, sondern ein leistungsfähigeres Tool benötigt wird.
3. Dritter Versuch mit Begleitung eines Experten
3.1 Fallbesprechung mit KI, eine Fallvignette – Auszug
eingelesen
Die Supervisandin ist Anfang 40, hat studiert und arbeitet bei einer christlichen Gemeinde mit voller Stelle.
Sie findet es schwierig, dass immer wieder Konflikte in ihrer Arbeit auftauchen. Zum Beispiel bei der Organisation von einem Zoobesuch für ältere Gemeindemitglieder, inklusive Kuchenpicknick, der von Ehrenamtlichen organisiert wird. Kurz vor der Busfahrt ist die Supervisandin in der Küche. Dort stehen diverse Kuchen, die noch in den Bus gebracht werden müssen. Sie zeigt auf einen Kuchen und sagt: „Oh lecker!“. Daraufhin antwortet eine ehrenamtliche Mitorganisatorin: „Nein, das ist ein Dr. Oetker Fertigkuchen, der ist nicht lecker. Wir haben hier auch selbstgebackene Kuchen.“
Die Supervisandin erzählt, sie habe sofort eine heftige Aggression verspürt und antwortet, das finde sie aber nicht. Die ehrenamtliche Helferin gibt der offenen Herdtür einen Schubs, diese schnappt laut und hörbar zu. Daraufhin verlässt die Supervisandin direkt die Küche und geht nach draußen zum Bus. Da warten noch weitere Helfer. Sie bittet sie, den Kuchen aus der Küche zu holen. Parallel dazu hat nun die ehrenamtliche Mitorganisatorin in der Küche andere Helfer beauftragt, die Kuchen zum Bus zu bringen. Ergebnis: Großes Gerangel in der Küche, wer denn nun Kuchen tragen dürfe. Die Supervisandin verlässt die Küche wieder und kümmert sich um das Einladen von Gepäck. Sie erzählt, am nächsten Tag habe sie realisiert, dass das ja „schlimm“ gewesen sei, und habe mit mäßigem Erfolg versucht, sich persönlich zu entschuldigen.
3.2. KI – psychoanalytische Einordnung der Fallvignette
Dennis Schneider
Unten eine psychoanalytische Einordnung (hypothesenbasiert, nicht-diagnostisch) des Falls der Supervisandin in dem von dir genannten Abschnitt (ca. 235.47–769.57).
1) Leitthema: Wiederkehrende Spaltungs- und Eskalationskonstellationen
Der Fall ist auffällig geprägt von Spaltungen entlang Geschlecht/Generation/Rolle
Psychoanalytisch spricht das für eine starke Aktivierung „paranoider-schizoider“ Gruppen- und Beziehungsmodi (im Sinne einer Tendenz, Ambivalenz schlecht auszuhalten): Konflikte werden nicht mentalisiert/integriert, sondern als „Lagerbildung“ organisiert.
Hypothese: Die Hauptamtlichenrolle wird (von der Gemeinde und möglicherweise auch von ihr selbst) als Container/Autorität adressiert, der Ambivalenzen halten soll. Wo diese Containerfunktion brüchig wird, kippt die Szene schnell in Polarisierung.
2) „Küche“ als Szene: Symbolischer Ort für Versorgung, Anerkennung, Beschämung
Bemerkenswert ist, dass zentrale Konflikte wiederholt in der Küche stattfinden (Herdtür, Kuchen; Abwertung „Fertigkuchen“ vs. „selbstgebacken“).
Die konkrete Situation (Wertung eines Kuchens → Kränkung → Aggressionsübertragung) wirkt wie eine Mikroszene für etwas Größeres:
- Versorgung/Genügen („ist das gut genug?“)
- Status & Beschämung (wer definiert „richtig/gut“?)
- Deutungshoheit (Hauptamtliche vs. Ehrenamtliche; „oben“ vs. „unten“)
Dass die Hauptamtliche hier aggressiv reagiert und die Aggression „ansteckend“ wird (Ehrenamtliche schlägt wütend die Herdtür zu), passt zu einer Affektansteckung/Projektionsdynamik: Unverdauliche Affekte werden im Feld verteilt statt verarbeitet.
3) Abwehrorganisation: Externalisieren, Agieren, Flucht aus der Affektspitze
In der Eskalation zeigt sich ein typischer Ablauf:
- Kränkung/Abwertung (durch die Korrektur der Ehrenamtlichen)
- Agieren (Aggression, Aufträge/„Kuchenkommandos“; Konkurrenz um Kontrolle)
- Desorganisation im Feld (Doppelaufträge)
- Rückzug/Flucht (sie „geht wiederholt aus dem Raum“)
Psychoanalytisch liest sich das als Konflikt mit Aggression und Kontrolle: Wenn Aggression hochfährt, wird sie erst ins Außen „gegeben“ (Handlungsdruck, Beauftragung anderer), dann wird die Situation nicht mehr gehalten und schließlich durch Rückzug beendet. Der spätere Entschuldigungsversuch wirkt wie ein nachträglicher Reparaturimpuls, sobald die Affekte wieder regulierbar sind.
transkript
4) Objektbeziehungsdynamik: „Nicht gehalten werden“ und „zu viel sein“
Die geschilderten Felder (Ehrenamtliche, Hauptamtliche) wirken, als gäbe es wenig Raum für Ambivalenz und Differenz; stattdessen wird schnell bewertet, normiert und gelagert.
Psychoanalytisch kann das zwei komplementäre Pole aktivieren:
- Angst, nicht gehalten/anerkannt zu werden → Kampf um Status/Deutung („leckerer Kuchen“ vs. „Fertigkuchen“)
- Angst, zu viel/gefährlich zu sein → Rückzug/„Verschwinden“ aus der Eskalation (Gepäckeinladen)
transkript
6) Transference/Gegenübertragung in der Supervision: „Hineingezogenwerden in Spaltung“
Im Fallbericht klingt an, dass die Supervisorin (Erzählerin) schwankt zwischen Rollen-/Institutionsfrage und persönlicher Not.
Psychoanalytisch ist das wichtig: Die Supervisandin erzeugt offenbar ein Feld, das andere zur Positionierung drängt (ärgerlich–mitleidig; tauglich–untauglich; Opfer–Täterin). Genau diese Spaltungsangebote sind oft das klinische Material: nicht nur „was passiert ihr“, sondern „was passiert zwischen uns“.
7) Arbeitsfähige psychoanalytische Formulierung (verdichtet)
Eine mögliche Verdichtung wäre: Die Supervisandin steht unter einem biografisch hoch aufgeladenen Verlust-/Schuldkomplex. In institutionellen Settings, die ohnehin zu Lagerbildung neigen, wird sie zur Projektionsfläche für Konflikte um Versorgung, Macht und Geschlechterordnung. Unter Kränkung kippt sie in Agieren/Deutungskampf, danach in Rückzug; erst nach Abklingen der Affektspitze sind Reparaturbewegungen möglich.
Das ist kompatibel mit den wiederkehrenden Mustern: Spaltung im System, Eskalation in Versorgungsszenen (Küche), De-Regulation, anschließendes Rückzugsmanöver.
8) Implikationen für supervisorisches Vorgehen (psychoanalytisch)
- Szenisches Arbeiten: „Die Küche“-Sequenzen als wiederkehrende Bühne nehmen (wer beschämt wen? wer definiert „gut genug“?).
transkript
- Affekt markieren statt nur Inhalt bearbeiten: Frühwarnzeichen von Kränkung/Überflutung identifizieren (Tempo, Ton, Impuls zu beauftragen/zu gehen).
transkript
- Mentalisieren fördern: Was könnte die Ehrenamtliche gespürt haben? Was die anderen Helfer? Was sie selbst – unmittelbar vor dem Umschlag?
transkript
- Passung Institution vs. innere Arbeitsfähigkeit: Nicht moralisch („tauglich/untauglich“), sondern strukturell: Welche Rollensegmente sind stabil und wo gibt es Trigger?
Wenn du willst, kann ich das im nächsten Schritt auch als Strukturdiagnostik-orientierte Hypothesen (z. B. Ich-Funktionen/Affektregulation/Beziehungsfähigkeit) oder als OPD-nahe Konflikt-/Strukturformulierung ausarbeiten – weiterhin nur aus dem Material, ohne
4. KI und Gegenübertragung?
Georg Baumann
Die KI wird durch „Briefing“ und durch gezieltes „Prompten“ gewissermaßen eingestellt. Dieses auf den ersten Blick technische Vorgehen birgt zugleich Übertragungen, die Einfluss auf die Antworten der KI in sich tragen. D. h. die Art und Weise der Kommunikation mit der KI wird auch von unbewussten Übertragungen und auch unbewussten Abwehrvorgängen begleitet. Bemerkenswert war z. B. die Erfahrung, dass wir die Antworten der KI emotional unterschiedlich wahrnahmen, je nachdem ob wir eine männliche oder weibliche Stimme gewählt hatten.
Die Menge der Rückmeldungen der KI wirkte zunächst ernüchternd und durch den Umfang überfordernd (Daten-Tsunami; in den Daten ertrinkend), zudem auch zunächst einschüchternd als Infragestellung der eigenen Kompetenz.
„Man fühlt sich auf unangenehme Art inkompetent, unvermögend, ungenügend.“
Dies führte zu Überlegungen, was es bedeutet, wenn wir der KI folgen, wie nach einem Rezept oder einer Handlungsanweisung. Wir würden zu Ausführenden, denen etwas Blindes anhaftet.
Was fehlt, ist der gesamte Prozess der Aneignung und der Verinnerlichung von Wissen und Kompetenz bezüglich der Dynamik, des Sinnes und der Bedeutung in der Gestaltung unserer beruflichen und natürlich auch unserer sonstigen Beziehungen.
5. Erfahrungen zur KI-basierten Gruppenintervision
Gabriele Streitbürger
Wir sind angehalten, uns kurz zu fassen, deshalb konzentriere ich mich hier auf nur drei Erfahrungen.
Die erste war: Große Überraschung, Staunen, Überwältigt sein
von der Qualität der Analyse und der Aussagen zum vorgestellten Fall. Ich habe nun nicht jede einzelne Aussage akribisch auf Richtigkeit untersucht aber die Analyse war auf alle Fälle im Großen und Ganzen plausibel, absolut verständlich und einfach lesbar bzw. hörbar! Viele mühsame Reflexions- und Recherchearbeit erschien plötzlich so leicht und Fragen so schnell gelöst! Ich war voller Bewunderung für diese Maschine und zugleich kamen Kleinheitsgefühle auf: so schnell und so präzise werde ich nie sein können! Es ist schon ein Angriff auf den eigenen Narzissmus! Es wird eine notwendige und m. E. unbedingte Aufgabe für uns Supervisoren sein, zu einem selbstbewussten Gegenüber der Maschine zu werden. Ich fand unsere Reflexion in der Gruppe einen Königsweg, weil die Diskussion mit den unterschiedlichen Resonanzen dazu führte, dass ich/wir die KI weder rundheraus ablehnten noch idealisierten. Dennoch stellt sich mir/uns die Frage, ob die Anregungen der KI zur Unterstützung der Supervision führt oder zur Vorfestlegung, also unsere Wahrnehmung begrenzt.
Die 2. Erfahrung beschreibe ich als: Zwischenraum der Wahrnehmung
Wir hatten eine männliche Stimme und tatsächlich geriet ich in einen Zwischenraum der Wahrnehmung: es ist kein Mensch, hört sich aber so an! Als ich einen Fall vorstellte, sprach ich schließlich mit dem Handy, also der KI, und verlor nicht nur den Augenkontakt zu meiner Gruppe. In der dritten Versuchsanordnung spricht die Stimme recht einfühlsam. Ich zitiere: Ich nehme wahr, dass mit der Ankündigung des Falls schon eine gewisse Spannung im Raum entsteht. Vielleicht auch eine Erwartung – was sich zeigen wird, was uns berührt … UNS! Die KI spricht Gefühle im Raum an und hat sich zum Gruppenmitglied gemacht! Sie löst sozusagen den Unterschied zwischen Maschine und Mensch auf! Zwar bin ich der Ansicht, dass der Unterschied zwischen Maschine und Mensch dringend aufrecht erhalten bleiben muss, aber wenn man so „menschlich“ mit KI interagieren kann, wen wundert es dann, wenn der Unterschied irgendwie diffundiert?
Die 3. Erfahrung: Die KI bringt Ergebnisse – was wird mit dem Erkenntnisprozess?
In der dritten Versuchsanordnung wurde ein Fall eingebracht, dann machte die Gruppe eine erste Assoziationsrunde und schließlich konnte die KI etwas sagen. Und sie brachte einen Aspekt ein, den die Gruppe bisher nicht verbalisierte: die Beziehung zwischen Supervisor und Supervisandin. Nun bin ich überzeugt, dass die Gruppe bei weiterer Arbeit diesen Aspekt sicher miteingebracht hätte, aber sie tat es eben nicht in der ersten Runde! Es entspricht eigentlich dem normalen Ablauf einer normalen Gruppe, dass sie zunächst mal sozusagen die Szene abschreitet, die unterschiedlichen Protagonisten kommentiert etc. und erst im späteren Verlauf die Beziehung zwischen Sv und SVD untersucht. Das dient der Vertrauensbildung besonders in Bezug auf den Fallvorsteller einerseits und andererseits arbeitet sich so jeder über die Interaktion und Assoziation langsam an das Ungesagte in dem Fall heran. Dieses „Sich langsam Heranarbeiten“ verstehe ich als notwendigen Prozess hin zum Verstehen und zur Erkenntnis. Es ist eigentlich ein Kernelement supervisorischen Arbeitens: Verlangsamen um zu verstehen. Das Verlangsamen ermöglicht einerseits Genauigkeit, aber es ermöglicht m. E. auch, dass man psychisch überhaupt mitkommt.
Die KI dagegen sagt alles unabhängig von der „psychischen“ oder „gruppenprozessualen“ Aufnahmebereitschaft. Man kommt zwar so schneller zum Ergebnis, aber ist das gut? Ich zumindest hatte ein leicht unangenehmes Gefühl, es war mir irgendwie zu schnell, zu dicht an dem Falleinbringer.
Geschwindigkeit im Supervisionsprozess vermessen wir an den Polen Aufnahmebereitschaft versus Widerstand, beides zeigt sich durch Gefühle. Wenn jetzt Gefühle eigentlich keinen Raum mehr haben im Erkenntnisprozess – was werden das dann für Erkenntnisse? Geraten wir da nicht zu schnell nur noch in den Kopf?
Jetzt habe ich eher viel Skepsis in die Debatte gebracht. Deshalb will ich noch unbedingt erzählen, dass ich nach unseren Versuchen zuhause die KI genutzt habe, um meinen nächsten Urlaub mit allem Drum und Dran zu planen: GROSSARTIG war das! Binnen einer ½ Stunde war alles klar. Wer weiß, wie ätzend das sein kann, sich durch die entsprechenden Portale zu klicken und seine Zeit dort zu verschwenden, wird das verstehen! Vielleicht kann ich dem einen oder anderen bei Gelegenheit dann mal erzählen, wie die Realität dann aussah! 😀
Münster, Lesegruppe 2026
