Die sich um die KI drehenden Nachrichten über neueste Entwicklungen und Möglichkeiten zeigen eine bildhaft gesprochen „sich überschlagende“ Dynamik, und darauf mit verfügbaren Wahrheiten antworten zu können, ist schlichtweg unmöglich. Wir sind mittendrin und uns fehlt ein zeitlichräumlicher Abstand, der es in der Nachträglichkeit ermöglicht, Verstehensprozesse zu organisieren und Affektives zu integrieren. Und doch müssen wir nach Orientierungen Ausschau halten.

Ich möchte in meinem Beitrag aus psychologisch-psychoanalytischer Perspektive mit einigen Überlegungen zu unseren Diskussionen beitragen, die ja von der Frage geleitet sind, welche Spuren die Herausforderungen und die Anwendungen der KI und der digitalen Medien in uns als Subjekt hinterlassen.

Zunächst möchte ich eine kleine Erläuterung zu dem Titel dieses Vortrages geben, der mir in den Sinn gekommen ist, bevor ich mir etwas genauere Gedanken zum Inhalt gemacht hatte. 

In dem Aufsatz „Eine Schwierigkeit in der Psychoanalyse“ spricht Freud von den drei großen Kränkungen der Menschheit. Die erste Kränkung als kosmologische bestünde in der irrtümlichen Vorstellung, die Erde sei der Mittelpunkt des Universums. Die zweite, die biologische, dass der Mensch naturverhaftet, als Teil der Evolution seine Sonderstellung gegenüber den Tieren eingebüßt hat. Die dritte Kränkung habe ihr die Psychoanalyse hinzugefügt: Der Mensch sei nicht Herr im eigenen Hause, er werde von Kräften gelenkt, die dem Bewusstsein entzogen sind. Wir sehen, dass es sich bei diesen Kränkungen um Zurückweisungen von narzisstischen Größenvorstellungen handelt. 

Könnte man denken, dass die Geschichte dieser narzisstischen Kränkungen weitergeht und man mit den Worten des Wissenschaftsjournalisten Sascha Lobo von der vierten, der digitalen Kränkung sprechen kann, die sich darin zeigt, dass das Internet nicht zum erhofften Instrument der Freiheit geworden ist, sondern für das Gegenteil benutzt wird? Ergänzend und erweiternd weist der Journalist Sascha Kösch darauf hin, dass die vierte Kränkung in der Nicht-Beherrschbarkeit der von der Menschheit selbst geschaffenen Technologie besteht.

Oder ist die vierte Kränkung auch darin zu suchen, dass künstliche Intelligenz im Begriff sein könnte, dieses Haus zu okkupieren, in dem bei allem Prekären, die das Selbst in sich trägt, Leben, Gefühle und Intelligenz wohnen, von denen wir bis vor Kurzem noch dachten, sie gehörten zu den unveräußerlichen Eigenschaften des Menschen?

Ich möchte mit dem Phänomen der Zeit und der Zeitlichkeit beginnen, und einen persönlichen Rückblick wagen.

Vom Internet hörte ich das erste Mal, als ich 1996 zu Besuch bei einer befreundeten Familie in den Staaten war. Der damals 18-jährige Sohn berichtete begeistert von den ungeahnten Möglichkeiten der Menschheit, in Gemeinschaft untereinander an der Weiterentwicklung und Verbreitung von Wissen ein großartiges Medium gefunden zu haben. Ich war damals natürlich erstaunt und mitgerissen. Es war schließlich auch die Zeit, in der der „Wind of Change“ wehte und vielerorts die Hoffnung auf die Zukunft einer friedlichen Weltgemeinschaft blühte. Meine bald einsetzenden Gehversuche im Internet offenbarten aber schnell die Grenzen dieser größenfantastischen Wunschfantasie, denn zerstörerische Viren hatten längst die Utopie angegriffen. Nachdenkenswert und etwas befremdlich kam mir hier schon der Sprachgebrauch vor, der die Welt der Algorithmen mit der Vorstellung lebendiger Organismen zusammenbringt, die wir überwiegend als gefährlich, unsichtbar und nicht wirklich kontrollierbar erleben. Darauf will ich später noch zurückkommen.

Die Welt von 1996 ist innerhalb einer Generation veraltet, ja untergegangen und meine Erinnerungen an ein geteiltes Deutschland, Status Quo, eine Welt ohne Smartphone und Internet entzieht sich weitgehend dem Vorstellungsvermögen meiner Kinder, der nachfolgenden Generation, und auch ich selbst habe inzwischen Mühe, mich an dieses Lebensgefühl zu erinnern.

Die rasende Geschwindigkeit, die alles veralten lässt, ehe es überhaupt erfasst und durchdrungen werden kann, hätte wohl selbst bei Karl Marx Schwindel ausgelöst, der, manche erinnern sich, 1848 das kommunistische Manifest veröffentlicht hat. Vielleicht würde ihn auch heute seine damalige Hellsichtigkeit erstaunen.

Ich zitiere also: „Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neu gebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“

In diesem letzten Teil des Zitats steckt ja sowohl die Aufforderung zur Aufklärung, als auch die Aufforderung, die Produktivkräfte „zum Nutzen aller Beteiligten in gemeinschaftliche Regie zu nehmen“ (vgl. Christoph Türke: Philosophie der Musik; C.H. Beck; München 2025; S. 305).

Diese Aufforderung oder besser Herausforderung stellt sich uns mit der Entfesselung der IT-Technologie im Anthropozän erneut und mit größter Dringlichkeit.

Wie aber könnten die Triebkräfte dieser Entwicklung erfasst und beschrieben werden, die uns auch im Umgang mit IT und neuesten KI-Anwendungen geradezu atemlos und in immer kürzeren Abständen zwingen, Updates vorzunehmen, Apps zu laden und neue Geräte gegen veraltete auszutauschen, damit wir uns überhaupt noch in der technologisch durchorganisierten Gesellschaft bewegen können?

Dieser Umstand hat eine Gruppe Berufskollegen dazu bewegt, einen Selbstversuch zu wagen und zu erproben, wohin uns die Einbeziehung von KI in unseren Supervisionsprozessen führt. Wir haben gestern ja darüber berichtet (siehe Zusammenfassung in diesem Newsletter).

Nach dem Erstaunen, mit wie viel Wissen und Interpretationsmöglichkeiten uns die KI versorgte, machte sich aber auch ein diffuses Unbehagen bemerkbar, dem wir ebenfalls nachgegangen sind. 

Ich komme hiermit zu einem Thema, das ich mit „Aneignung“ überschreiben möchte. 

Wir wurden ja von der KI mit einer ganzen Palette an theoretischen Modellen der Psychoanalyse und psychodynamischen Annahmen versorgt. Ich hatte so ein Bauchladengefühl, irgend etwas davon benutzen zu können, so eine gewisse Beliebigkeit und es kam ja die Frage auf, ob dieses Wissen äußerlich bleibt, zu einem reinen Anwendungsmodus verarmt, wenn ein Prozess der Aneignung, des sich „zu eigen Machens“ fehlt. Mir geht es zum Beispiel mit den Begriffen der Übertragung und Gegenübertragung so, dass hier vielschichtige seelische Bewegungen angesprochen sind, die mich mein ganzes Berufsleben unabschließbar begleiten und verunsichern und die ich mir immer wieder neu erschließen muss, in der ganzen körperlichen Dimension des Ver-stehens. Eine bloße Feststellung bleibt dagegen leer, wirkt allenfalls als Machtinstrument, und eine Operationalisierung bleibt blind.

Die online ständige Verfügbarkeit von kontextunabhängigem Wissen kann dagegen wie eine Verführung und zugleich Beruhigung wirken, ein Hilfs-Ich in der Tasche zu haben, das mir umstandslos antwortet. Die Kehrseite liegt in einer schleichend damit einhergehenden Abhängigkeit, zunehmend Situationen, Fragen oder Probleme nicht mehr mit eigenen Lösungsstrategien anzugehen. Darin liegt die Gefahr, dass diese Fähigkeiten nicht genügend entwickelt werden und sie geradezu verkümmern. 

Ich will das an einem kleinen Beispiel verdeutlichen, gerade weil es so banal ist: Ich spiele gerne Doppelkopf, finde aber selten Zeit mich in einer Runde zu treffen. Vor einiger Zeit habe ich entdeckt, dass man online mit computergenerierten Mitspielern an einem Tisch sitzen und Doppelkopf spielen kann. Die Einstellung der Spielstärke ist möglich und die digitalen Mitspieler haben es wirklich drauf. Es gibt ein kleines Symbol am unteren Rand, wenn ich das anklicke, schlägt mir eine Sprechblase vor, welche Karte sie spielen würde. Ich muss mich manchmal geradezu zwingen, es nicht zu tun und meinen eigenen Überlegungen Priorität einzuräumen. Wenn ich manchmal aus Unsicherheit oder Denkfaulheit nachgebe, führe ich lediglich Vorschläge aus. Wenn ich das zu weit treibe, entsteht in mir allmählich ein unbefriedigendes Gefühl. Dieses Gefühl hat etwas damit zu tun, dass ich lediglich eine vorgegebene Handlung vollziehe und ich mich von meiner eigenen Denkarbeit, der Mühe und Freude an kreativen Überraschungen abschneide, was bei mir in diesem Falle zu einem temporären Angriff auf mein Selbstwertgefühl führt. Abgesehen davon, dass Doppelkopf ein geselliges Spiel zwischen und mit Menschen ist, eine Qualität, die mir in der isolierten online Beschäftigung fehlt. 

Die ständige Verfügbarkeit einer Instanz, die auf alle Fragen antwortet, hat schon längst unser Sozialverhalten verändert. Konnte man sich früher schön streiten, wer Helmut Rahn die Vorlage zum entscheidenden Tor der Weltmeisterschaft gegeben hat oder wann immer etwas stattgefunden hat, so genügt heute ein Stichwort in das Smartphone. Die hier kurz skizzierte Szene zeigt, wie eine lebendige Debatte kurzgeschaltet und auf etwas rein Faktisches reduziert wird, und ich möchte akzentuiert sagen, dass hier gewissermaßen hinter unserem Rücken eine Verarmung in unseren mitmenschlichen Beziehungen Raum greift.

Ähnlich übrigens, wie sich im harmlosen Schrittzähler der Optimierungsimperativ verbirgt und meine mir aufgedrängte Frage, wie viele Schritte bin ich heute gelaufen, die Erinnerung an das sinnliche Erlebnis eines Spazierganges und einer Naturbeobachtung verschattet.

In der Vereinfachung von Abläufen, die die Technik uns abnimmt, liegt an der Oberfläche das Versprechen, weniger Mühe, Aufwand und Zeit erübrigen zu müssen, verbunden mit der Verlockung, die Ersparnis schenke uns Lebenszeit und damit auch Freiheit. Doch wir bezahlen mit der Einbuße von handwerklichen, intellektuellen und nicht zuletzt zwischenmenschlichen Fähigkeiten. Wer ist heute noch in der Lage, die Telefonnummern von wichtigen Mitmenschen im Gedächtnis präsent zu haben? Bremskraftverstärker oder elektronische Abstandskontrolle beim Autofahren erscheinen sicher als sinnvolle technische Einrichtungen, die wir aber auch mit dem Verlust an körperlich-sinnlicher und kognitiver Fähigkeit bezahlen, das Gerät, das wir bedienen, verstehen und beherrschen zu können.

Die Angebote bzw. Rückmeldungen der KI sind ein Wissen, das überwiegend aus Handlungsanweisungen, oder meinetwegen, -vorschlägen besteht und weitgehend unangeeignet bleibt. Dabei, um einen Gedanken von Hartmut Rosa aufzugreifen, verengen sich unsere Handlungsspielräume und wir werden zu Ausführenden:

Beispiel Autowerkstatt.

Mit dem Begriff der Aneignung ist also ein alle Sinne einschließender Vorgang des sich zu-eigen-machens gemeint. Man könnte diesem Prozess den Begriff der Enteignung gegenüberstellen, dem Entzug eigener sinnlicher Qualitäten und Handlungsmöglichkeiten.

Hartmut Rosa hat in seinem aktuellen Buch „Situationen und Konstellationen“ zur Beschreibung ähnlicher Vorgänge das schöne Wort der „Anverwandlung“ gebraucht. Ich finde, dass „Aneignung“ und „Anverwandlung“ sich gut miteinander verbinden lassen, denn wenn ich mir etwas zu eigen gemacht habe, hat in mir eine Verwandlung stattgefunden: Ich bin nicht mehr ganz so, wie ich vorher war.

Hinter oder unter dem sichtbaren Erfolg und dem Vergnügen der technischen Machbarkeit nisten sich vorbewusst und unbewusst Gefühle der Angst und Ohnmacht ein, die schon dann hervorbrechen können, wenn ich das Handy vergessen oder gar schlimmer, verloren habe. Was passiert, wenn das GPS-Signal abgeschaltet, gestört oder sonstwie nicht zur Verfügung steht. Kann ich noch Karten lesen oder mich noch in der Natur orientieren? Die umfängliche Verwundbarkeit unseres Lebens trifft uns in den Kriegsberichten, die uns in den Nachrichten über Zerstörungen in einer Dauerschleife beunruhigen, wobei beunruhigen manchmal fast geschönt klingt.

Der Prothesengott

In seiner kulturkritischen Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ von 1930 prägte Freud das Bild vom Menschen als „Prothesengott“ indem er darauf hinwies, dass der Mensch mit Hilfe seiner wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften die eingeschränkten natürlichen oder besser körperlichen Möglichkeiten künstlich unfassbar erweitert hat. Ob es sich um Brillen, Werkzeuge im alltäglichen Gebrauch, Waffen, chirurgische Instrumente, Telekommunikation, Flugzeuge bis hin zum Cyborg als einem organisch-technischen Mischwesen handelt: Die Menschheit hat sich den Idealvorstellungen von Allmacht und Allwissenheit angenähert, die ehemals nur den Göttern vorbehalten waren. Und doch bleiben es Prothesen, die nicht organisch verwachsen sind. So ist der Begriff der Prothese klug gewählt, weil er auf den konstitutiven Mangel im Menschen hinweist, selbst wenn der Prothesengott in unserem 21. Jahrhundert „smart“ geworden ist.

Liegt aber nun eine neue Qualität darin, dass der smarte Prothesengott eigene Wege geht, die sich der Kontrolle entziehen? Dass Maschinen die Herrschaft über die Menschheit übernehmen werden und diese schließlich bedrohen oder zerstören, ist eine Fantasie im Sinne einer fantasmatischen Vorstellung, einer Apokalypse, die in der Kunst, der Literatur, im Film in Form von Zukunftsvisionen immer wieder und neu thematisiert worden ist und wird. Hier geraten wir mit dem Gefühl des Unheimlichen in Kontakt.

Auch zeigen sich unsere fortbestehenden archaischen Ängste vor dem Untergang und der Unfassbarkeit und Unentrinnbarkeit des Todes auf der einen Seite und im gleichzeitigen Wunsch nach Rettung, Überwindung des Todes mit Aussicht auf ewiges Leben, so wie es etwa in der Apokalypse des Johannes beschrieben steht. Vor einigen Jahren hatte auch eine Untergangsprophezeiung der Majas Konjunktur. Wir haben es hier mit der Hybris, gottähnlicher Machtentfaltung und der damit verbundenen Angst vor der Entbindung ebenso machtvoller zerstörerischer Energie zu tun, von der uns schon der Turmbau zu Babel erzählt.

Nun wieder zurück zu praxisbezogenen Fragen unseres Themas

KI und ihre Auswirkungen auf Beratungs-, Supervisions- und Therapieprozesse

Dass heute durch die KI-Arbeitszusammenhänge ganze Berufszweige überflüssig werden, habe ich als Strukturwandel, bedingt durch die technologische Entwicklung aufgefasst. Doch mittlerweile steht zur Diskussion, dass ChatGPT, Chatbots und Avatare kompetent und einfühlsam meinen eigenen Berufsstand des Psychotherapeuten ablösen könnten. Das habe ich mir bislang nicht vorstellen können, weil ich die Eigentümlichkeit therapeutischer Arbeit als unveräußerlich betrachtet habe.

KI flutet die Praxisformen zwischenmenschlicher Beziehungen, die bislang als immun gegen jede Automatisierung gewirkt haben, wie es Kathrin Misselhorn in ihrem Essay über die Frage formuliert, ob künstliche Intelligenz das Ende der Kunst bedeutet.

Gewiss ist aber, dass der dual konzipierte therapeutische Rahmen auf eine neue Weise aufgebrochen worden ist. Die KI ist bei der Konstituierung therapeutischer wie aber selbstverständlich vieler zwischenmenschlicher Beziehungen seit kürzerer Zeit beteiligt und wir fragen uns ja, wie diese Umstände unser soziales Leben äußerlich und unser Psychisches innerlich herausfordern und verändern.

Was für eine Art Gegenüber ist ChatGPT und Co., das wir zu unserer Begleitung, zur Lösung unserer Fragen und Probleme immer häufiger aufrufen? Worauf antwortet eine KI? Ist die KI überhaupt ein Gegenüber? Stellt sich hier nicht eine affirmative Beziehung her, die am Ende doch eine Spiegelbeziehung bleibt, und sich allmählich hinter dem Gefühl, verstanden und gesehen zu werden erneut eine narzisstische Leere auftut?

Dem Narziss im Mythos jedenfalls wird der Anblick seines Ebenbildes auf der spiegelnden Oberfläche des Wassers vom initialen Jubel zur suizidal tödlichen Falle, während im Hintergrund die Nymphe Echo nicht als eigenständiges Wesen erscheint, die zu einer lebendig rettenden Beziehung als Gegenüber fähig ist, sondern in Melancholie versinkend lediglich die Worte des Narziss wiederholt. 

Wir brauchen ein Gegenüber als einen Anderen, an dem wir uns als anders und gerade deshalb als identisch erleben, um überhaupt erst unsere menschliche Identität bilden zu können. Dieser Notwendigkeit, die man ja auch die Erfahrung der Differenz nennen kann, scheint eine große Kraft innezuwohnen, der auch phantasievoll in Filmen nachgegangen wird, die sich mit dem Verhältnis vom Menschen und einer maschinellen intelligenten Menschengestalt beschäftigt.

In dem Film „Ich bin Dein Mensch“ von der Regisseurin Maria Schrader kommt eine Szene vor, in der die Protagonistin Alma des affirmativen Gehabes ihres humanoiden Roboters Tom bald überdrüssig wird. Als dieser bei einer Verabredung „Alles klärchen“ sagt, erwidert sie ihm „Zum Bleistift, Schüssi kovski und schö mit ö kannst du auch gleich streichen.“ „Schon passiert“, antwortet Tom. In dieser Szene wird deutlich, dass kein Ausstieg aus der Spiegelbeziehung möglich ist, in der Alma zwischen Verführung und Frustration stecken bleibt. 

Das ist die Bearbeitung des Themas als Komödie, während der Film Ex Machina daraus einen dramatischen Thriller macht. 

Sigmund Freuds Überlegungen zufolge wohnt der Kultur ein immanentes Unbehagen inne, das sich beständig gegen ihre eigenen Errungenschaften wendet. Dies läge daran, dass mit der kulturellen Sozialisation in jedem Individuum auch ein der Eigenart des menschlichen Trieblebens geschuldetes Widerstreben einhergeht. Wir müssen uns den Anforderungen und Ordnungen der Kultur im Sinne eines funktionierenden Gemeinwesens unterwerfen und dabei das Lustprinzip, die sofortige Erfüllung unserer Wünsche und Ansprüche ebenso bändigen wie die auf Enttäuschungen und Frustrationen folgende Aggressivität. Dieses Lust-Unlust-Prinzip ist nach Freud untilgbar und wirkt der Kultur gewissermaßen unter der Oberfläche, zerstörerisch entgegen.

Der Trieb ist hier im Gegensatz zum Instinkt geleiteter Verhaltensweisen der Tiere, ein zum Seelischen hin offener Vorgang, gewissermaßen als nicht unterscheidbarer Übergangsraum von Psyche und Soma zu verstehen. Wobei Trieb ja in unseren Ohren ein sperriger Begriff ist, der mir zugänglicher wird, wenn ich ihn als Ausdruck einer vitaler Lebendigkeit auffasse. Ich erkläre mir das so, dass der menschliche Körper oder besser das körperliche Erleben immer über das Naturverhaftete hinausgeht. Es bekommt, vermittelt durch die Sprache und der damit einhergehenden Symbolisierung, die wir von früh an im Kontakt mit den anderen, der sozialen Umwelt erleben, Sinn und Bedeutung. Vielleicht geht mit jeder körperlichen Empfindung, ob Lust, Not oder Schmerz, eine spezifische Verbindung zu damit einhergehenden affektiven Beziehungserfahrungen einher.

Wenn wir unseren Kindern z. B. bei entsprechenden Gelegenheiten sagen „jetzt bist Du wütend, traurig oder das ist lustig, wo tut es weh?“, führen wir Körperliches symbolisch in sprachlich werdende seelische Empfindung ein. Im therapeutischen Sprachgebrauch können wir das auch „Mentalisieren“ nennen. Es ist ein unser individuelles und soziales Leben immer begleitender und nur durch den anderen vermittelter und vermittelnder Prozess.

ChatGPT aber hat keinen Zugang zum symbolischen Universum, keine konsistente Repräsentanz eines eigenen Körpers oder eigener Vorstellungen und Erinnerungen. Der Bildschirm bleibt zweidimensional und bei fehlender körperlicher Resonanz bleibt ChatGPT als phantasmatisches Gegenüber kalt.

Gleichwohl zieht mit der KI ein neuer und mächtiger Agent in Supervisions- und Behandlungsprozesse ein. Mächtig, weil ich meine Daten im Netz der KI zugänglich mache und sie damit trainiere. Über meine Kennung bin ich über meinen PC letztlich auch zuortbar, was sich zumindest an der Zielgenauigkeit erahnen lässt, mit der mich Werbung und Informationen erreichen, und auch an den Angeboten, die auf meine Suchanfragen erfolgen und mit meinen Bewegungen, meinem Profil im Netz abgestimmt erscheinen.

Der unbekümmert erscheinende Umgang sehr vieler Menschen mit den eigenen persönlich-intimen Daten einerseits und ein diffuses Unbehagen andererseits, gläsern zu sein und mehr oder weniger hilflos die eigene Identität durch Datenschutzangebote zu wahren, wirft die Frage auf, wie sich diese Ahnung, transparent zu sein, in unserem Erleben und Verhalten bemerkbar macht. Mir ist dabei wieder Michel Foucault in den Sinn gekommen, der in seinem Werk „Überwachen und Strafen“ beschrieben hat, wie Normierung, Disziplinierung und vor allem ständige Überwachung dazu beiträgt, Menschen zu formen. Es wäre sicher interessant und wichtig, der Aktualität Foucaults in Zeiten der elektronischen Sichtbarkeit unter dem Aspekt der Formierung und parallel der Konzepte der Über-Ich und Ich-Idealbildungen mit psychoanalytischem Denken nachzugehen. 

Ein Gedanke ist mir dazu gekommen, wenn ich daran denke, wie Kinder heute völlig selbstverständlich auf elektronischem Wege jede Frage stellen, die ihnen in die Quere kommt. Sie brauchen Papa gar nicht mehr zu fragen, der ja selbst mit seinem Handy beschäftigt ist. Sie haben Zugang zu einem als phantasmatisch allwissend erlebten Objekt, das ihnen durch das Medium antwortet, damit aber zugleich eher unmerklich Werte und Ordnungen bei der Suche nach Orientierung vermitteln. In fernen Zeiten gab es einen Gott, der allwissend und allmächtig über das Schicksal der Menschen wachte und es zugleich auch bestimmte. Nietzsche hatte in der fröhlichen Wissenschaft vom Tode Gottes gesprochen und damit zum Ausdruck gebracht, wie ich es interpretiere, dass die der rationalen und technischen Vernunft zu verdankenden Errungenschaften den Menschen Macht gab, an die Orte zu treten, die einst, wie auch Freud es formulierte, dem Göttlichen vorbehalten waren. Menschlich aber ist die Suche nach einem allmächtigen Wesen, das alles weiß und mich vor den Unsicherheiten des Lebens schützt.

Die ewigen Fragen der Menschheit oder des Menschseins äußern sich in den jeweiligen Erscheinungen der Zeit immer wieder neu.

Das Internet scheint ja dabei diese Stelle zu besetzen. Wikipedia rufen wir immer weniger auf, wir fragen gleich die KI, die alle verfügbaren Daten in sich vereint.

Ich möchte abschließend auf die eingangs gestellte Frage nach den Triebkräften dieser Entwicklung zurückkommen.

Mit dem konstitutiven Mangel unseres Menschseins ist uns ein Begehren eingeschrieben, das auf das Begehren des anderen ausgerichtet ist. Das klingt ja als erstes etwas kryptisch. Für unser Selbst- oder Daseinsgefühl existentiell ist die Versorgung und Anerkennung durch den oder durch die anderen. Auch in einem ganz körperlichen Sinne, durch den „Nebenmenschen“ um an eine Freud´sche Wortschöpfung für diese Angewiesenheit zu erinnern. Das ist uns gewissermaßen als archaische Urerfahrung eingeschrieben, weil wir alle einmal hilflose, ohnmächtige und in allem angewiesene Säuglinge gewesen sind und uns diese Urerfahrung durch die Not des Lebens immer begleitet.

Gott sagt zu Moses „Ich kenne Dich mit Namen.“ Psychoanalytisch könnte man das als Beispiel und Ausdruck dieser großen inneren Not verstehen, in der Moses den verzweifelten Wunsch, gesehen und erkannt zu sein, an einen allmächtigen Gott als Instanz des Väterlichen richtet.

Wie es der französische Psychoanalytiker Lacan in seinen Schriften hervorgehoben hat, findet der Mangel an Sein also seinen Ausdruck in dem Begehren des anderen und im Begehren von etwas anderem. Dieses Begehren kommt jedoch nie an sein Ende und verweist immer von Neuem auf eine mitwandernde Leerstelle. Genau an dieser Leerstelle dockt die Wunschmaschine der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen an, die durch die Werbung und immer neue und erweiterte technische Möglichkeiten angetrieben wird.

Der Fortschrittsimperativ als unterfütterndes Motiv und Ideologie der Moderne gehört auch mit zu den Phantasmen, die ich vorhin kurz angesprochen hatte.


Literatur:

  • Foucault, M.: Überwachen und Strafen. 1991 Frankfurt a. M.
  • Freud, S.: Eine Schwierigkeit in der Psychoanalyse. G.W.
  • Freud, S.: Das Unbehagen in der Kultur. 1930 G.W. Bd. 14
  • Garland, A.: Ex Machina. Britischer Science Fiction Film 2015
  • Lacan, J.: Das Spiegelstadium als Bildner der Ich. Berlin 1986 Schriften I.
  • Lobo, S.: Die digitale Kränkung des Menschen. 1. 1. 2014 Frankfurter Allgemeine
  • Marx, K. u. Engels F.: Das Kommunistische Manifest. 1848
  • Misselhorn, C.: Künstliche Intelligenz – das Ende der Kunst? Reclam 2026
  • Nietzsche, F.: Die Fröhliche Wissenschaft. 1976 Kröner
  • Rosa, H.: Situationen und Konstellationen. Suhrkamp 2026
  • Schrader, M.: Ich bin Dein Mensch. Deutscher Spielfilm 2021

Dr. Georg Baumann

Münster/ Hannover, Psychoanalytiker, Lehranalytiker und Supervisor DPG/IPV, niedergelassen in eigener Praxis.

Die KI: Prothesengott und die vierte Kränkung der Menschheit