Es war mal wieder so weit:  In diesem Frühjahr fanden unsere FiS-Supervisionstage nach der üblichen zweijährigen Pause wieder im inzwischen vertrauten Ambiente des Franz-Hitze-Hauses in Münster statt.

Unter dem Titel „Fremdheit und Verbundenheit – künstliche Intelligenz und Psychoanalyse“ setzten sich annähernd 100 Supervisoren und Supervisorinnen mit der Bedeutung von KI für Beziehungen, Arbeitswelten und Supervision, und mit vielen aufregenden Fragen und tiefgreifenden Veränderungen, die sich daraus für uns als SupervisorInnen aber auch als Gesellschaft, als Menschheit ergeben, auseinander.

Die Vorträge und Diskussionsbeiträge boten dafür reichhaltige Anregungen und umspannten technische, ethische, psychoanalytische, arbeitsweltrelevante, erfahrungsbezogene und selbstreflexive Aspekte.  

Es war zu spüren, dass die Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit KI uns alle existentiell betrifft, dass uns alle die (noch gar nicht zu beantwortende) Frage bewegt, was die in großer Geschwindigkeit über uns hereinbrechenden Entwicklungen für uns an tiefgreifenden Veränderungen für Psyche, soziale Kontakte, Arbeit, Gesellschaft und Weltpolitik mit sich bringen.

Wir haben uns gefreut, dass es während und nach den gemeinsamen Tagen ein sehr positives Echo gab und es offenbar gelungen ist, gemeinsam einen Rahmen zu schaffen, der das Nachdenken und -fühlen möglich machte. Sowohl die fachliche Qualität der Vorträge und anderen Beiträge als auch die offene „verbundene“ Atmosphäre wurden durchgängig rückgemeldet.

Einige der Vortragenden haben uns ihre Beiträge für diesen Newsletter zur Verfügung gestellt. Vielleicht haben Sie Lust, sich nach der Teilnahme an den SV-Tagen noch einmal in Ruhe damit auseinander zu setzen oder als Nichtteilnehmer die Texte neu zu entdecken.

Neben diesen Erinnerungen an unsere Tagung enthält der Newsletter noch zwei Texte, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Konzept der Balintarbeit beschäftigen, und einen Aufsatz zu den Spuren einer DDR-Sozialisation, die in Supervisionsprozessen spürbar werden.

Viel Freude beim Lesen.

Wir wünschen Ihnen einen guten Sommer mit kühlen Oasen zum Entspannen und Genießen, friedlichen Menschen, anregenden Büchern und neuen Erfahrungen, die Anlass zu Zuversicht bieten.

Ihr Redaktionsteam Elisabeth Gast-Gittinger, Ulrike Wachsmund und Inge Zimmer-Leinfelder

Beiträge

Die KI: Prothesengott und die vierte Kränkung der Menschheit

Dr. Georg Baumann

Der Autor beschäftigt sich in seinem Text mit der Frage, welche Spuren KI und ihre Entwicklungen und Anwendungen aus psychoanalytischer Sicht in uns als Subjekt hinterlassen. Er denkt darüber nach, was der Einzug eines Gegenübers in Therapien und Beratungen, das ohne Zugang zur symbolischen Welt, ohne Repräsentanz eigener Körperlichkeit und eigener Vorstellungen und Erinnerungen, für unsere Arbeit bedeutet.

KI im supervisorischen Kontext – ein Selbstversuch

Münsteraner Lesegruppe: Monika Gebhard, Michael Faßnacht, Dennis Schneider, Georg Baumann, Gabriele Streitbürger

Die Mitglieder der Lesegruppe stellen ihr interessantes KI-Projekt vor (Monika Gebhard), skizzieren zwei spontane Versuche, mit KI zu arbeiten (Michael Faßnacht), nehmen eine psychoanalytische Einordnung der Fallvignette vor (Dennis Schneider), lassen uns an ihren Gegenübertragungsreaktionen teilhaben (Georg Baumann) und beschreiben ihre persönlichen Erfahrungen mit den KI-Reaktionen von Staunen und Überwältigtsein bis hin zum kritischen Nachdenken über den Verlust des Verstehensprozesses (Gabriele Streitbürger).

Wenn die Maschine mithört – KI als ungebetene/r Supervisor:in

Ein Praxisbericht

Dr. Lutz Lyding

Der Praxisbericht beschreibt anschaulich eine Szene, in der der Supervisor eines Leitungsteams unvorbereitet mit der „Anwesenheit“ von KI in einer Supervisionssitzung konfrontiert wird. Dabei erfahren wir etwas über die Leitungssupervision und ihre Inhalte, über die zusammenfassende Beschreibung und Bewertung durch KI, und über die widersprüchlichen Gedanken und Gefühle des Supervisors als Reaktion auf diesen ungebetenen „Kollegen“.

KI in Supervision, Coaching und Organisationsberatung – Gedanken zur Notwendigkeit einer ethischen Reflexion in der DGSv

Anette Mulkau

Die Vorsitzende der DGSv, Anette Mulkau, erinnert in ihrem Praxisbeitrag an ethische Leitlinien, denen wir als Mitglieder der DGSv verpflichtet sind. Sie konkretisiert, was dies für den Umgang mit KI bedeutet und beschreibt den Weg der DGSv in der Umsetzung dieser ethischen Leitsätze für die Nutzung von KI. Außerdem weist sie auf Veranstaltungen hin, die sich mit KI in der Beratung und KI und Ethik befassen.

Künstliche Intelligenz und echtes Leben

Wie sich Arbeitswelten und Beziehungen ändern

Christian Uhle

Der Vortrag von Christian Uhle lebte von vielen Beispielen, Videos und praktischen Einblicken. Da sich diese Inhalte nur schwer in Textform wiedergeben lassen, verzichten wir hier auf einen Beitrag und empfehlen sein Buch (s. Lesehinweise) und ein Interview, das er in den „Sternstunden Philosophie“ des SRF Kultur gegeben hat: „Künstliche Intelligenz – Ist der Mensch bald überflüssig?“.

So viel zu den Beiträgen der FiS-Supervisionstage 2026. Und hier noch drei interessante Texte zur Balintarbeit und zu den Auswirkungen biographischer Hintergründe auf die Supervisionsbeziehung.  

Schatten der Vergangenheit im Reflexionsraum

DDR-Prägungen und ihre Wirkung in der Supervision

Maria Wiedemann

Die Autorin – selbst in der DDR geboren – reflektiert in ihrem Text Muster, die ihr in ihrer supervisorischen Arbeit mit Supervisand<innen, die im Osten Deutschlands aufgewachsen sind, wiederholt begegneten. Dabei weist sie auf die Notwendigkeit hin, im Umgang mit biographisch begründetem Misstrauen sensibel auf Nichtgesagtes zwischen den Zeilen zu achten, behutsam zu intervenieren, Zeit und Geduld für Vertrauensentwicklung zu gewähren und den supervisorischen Raum konsequent zu schützen.

Die Präzision des Unbewussten

Dynamische Abstinenz als Leitungskonzept in Balintgruppen

Uwe Kowalzik

Ganz im Sinne von Michael Balint, der die Kunst des Leitens einer Balintgruppe darin sah, einen Prozess zu begleiten ohne ihn zu dirigieren, beschreibt Uwe Kowalzik die Wirksamkeit der dynamischen Abstinenz als eine Balance zwischen voller Präsenz und gezielten sparsamen Interventionen. In einer eindrücklichen Fallvignette wird spürbar, wie die Haltung des Leiters, die das Halten des Prozesses betont, der Gruppe „die Freiheit zur tiefen Reflexion“ ermöglicht.   

Holz oder Kunst – Vom Verstehen und Rollenlernen

Dr. Monika Maaßen

Monika Maaßen hat sich im Rahmen ihres Abschlusses der BalintleiterInnenausbildung mit psychoanalytisch begründeten Verstehensprozessen in Balintgruppen als Erzähl- und Verstehensräumen auseinandergesetzt. Dabei stellt sie im Kontext ihrer Überlegungen zum Rollenlernen ihre persönliche Erfahrung der Integration verschiedener beruflicher Rollen zur Entwicklung der neuen Rolle „Balintgruppenleiterin“ zur Verfügung.

Buchempfehlungen

Christina von Braun, Thilo Held: Kampf ums Unbewusste – Eine Gesellschaft auf der Couch (Aufbauverlag, 2025)

Matthias Brandt: Nein Sagen – über den 20. Juli 1944, meine Eltern und persönliche Verantwortung heute (Kiepenheuer und Witsch, 2026)

Gudrun Ehlert, Katharina Liebsch und Anke Neuber: Perspektivwechsel: das Hinterfragen des Selbstverständlichen (Springer VS, 2025)

Christian Uhle: Künstliche Intelligenz und echtes Leben. Philosophische Orientierung für eine gute Zukunft (Fischer, 2024)

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